Bauernaufstand in der Steiermark 1525: Eine ins Land geschwappte Revolution mit fatalen Folgen in der Obersteiermark
Rudolf K. Höfer
Die Lage der Bauern in Innerösterreich verschlechterte sich Ende des 15. Jahrhunderts infolge wachsender Forderungen seitens weltlicher und geistlicher Grundherrschaften zusehends.[1] Die Folgen waren meist lokale Aufstände von Bauern in Innerösterreich bereits im Jahr 1515 noch vor dem Beginn der Reformation 1517 durch Luthers 95 Thesendruck und dessen Veröffentlichung in Wittenberg.
Entwicklungen in Innerösterreich und Salzburg bis 1525

Ein Aufstand verbündeter Bauern in Innerösterreich (Steiermark, Kärnten und Krain) im Jahr 1515 hatte von Krain ausgehend in der Untersteiermark sein Zentrum. Der Aufstand wurde zuerst in Kärnten, dann in der Steiermark und schließlich in Krain durch Kräfte der adeligen Stände und des Kaisers vom kaiserlichen Rat Siegmund von Dietrichstein brutal niedergeschlagen. Trotzdem gab es zwischen 1515 und 1525 nahezu jährlich Berichte über Unruhen und Beschwerden zur schlechten Lage der Bauern.[2] Die Unterdrückung der Bauern hatte in Innerösterreich am Beginn des 16. Jahrhunderts zu einer wachsenden Unzufriedenheit geführt, weil vor allem die Bauern mit vermehrter Robotleistung und Steuern, insbesondere den Rüststeuern zur Osmanenabwehr, belastet wurden.
In Salzburg hingegen hat eine 1524 von Erzbischof Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg erlassene umfassende Waldordnung restriktiv in Freiheiten und Vorrechte des Bergbaus eingegriffen. Gewerken und Knappen lehnten die Neuerungen und in der Folge auch die weltliche Herrschaft des Erzbischofs ab, mit dem Ziel einer Säkularisierung des Erzstifts und dessen Übergabe an Erzherzog Ferdinand I.[3]
Maßnahmen gegen die Reformation blieben wirkungslos
Auf Einladung von Kardinal Lorenzo Campeggio und Ferdinand I. versammelten sich 1524 in Regensburg zahlreiche Bischöfe, darunter der Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Trient sowie neun Vertreter aus den Diözesen Augsburg, Bamberg, Basel, Brixen, Freising, Konstanz, Passau, Speyer und Straßburg, und legten in der am 6. Juli beschlossenen Regensburger Einung als politische Willensäußerung zahlreiche Bestimmungen gegen die reformatorische Bewegung fest. Die tags darauf umfangreicher formulierte Regensburger Legatenordnung bestimmte konkret: Kein Kleriker durfte ohne schriftliche Bestätigung des Bischofs predigen. Messe, Sakramente, Gebräuche, Fasten, Beten, Beichte und Opfer sollten wie seit ‚alter Zeit‘ gehalten werden. Die Kommunion unter beiden Gestalten wurde untersagt, die Verbreitung reformatorischer Schriften verboten. Studierende in Wittenberg sollten innerhalb von drei Monaten zurückkehren oder an andere Universitäten gehen. Religiöse Neuerer sollten ausgeforscht, gefangengenommen und bestraft werden. In Schladming begegnete alsbald mit dem Herrn Franz ein solcher Fall.[4]
Von Tirol ausgehend, mit einem zweiten Brennpunkt in Gastein und Rauris, vermischte sich die antiklerikale Stimmung gegen geistliche Grundherren mit sozialer Unzufriedenheit und führte zu von reformatorischem Zeitgeist getragenen Forderungen und steigerte sich ab Ende Mai 1525 auch hier zum „Aufstand des gemeinen Mannes”.[5] Der Aufstand der Salzburger Knappen und Bauern war nicht zuletzt durch restriktive Neuerungen im Montan- und Forstwesen im Zusammenwirken mit den neuen reformatorischen Ideen ausgelöst worden.
Forderungen an der Erzbischof
Um die Regensburger Einung in Salzburg umzusetzen, hatte die von Kardinal Matthäus Lang geleitete Salzburger Diözesansynode am 14. Mai 1525 zahlreiche Forderungen aufgestellt, die nur wenig später auch in den nicht genau datierbaren, bedeutsamen 24 Artikeln gemeiner Landschaft Salzburg wiederkehren sollten: Die Forderungen betrafen die überhöhten Stolgebühren, den Verfall der Klosterdisziplin, den Verfall der Pfarrhöfe, die hohen Absenzgebühren für nichtresidierende Pfarrer und Laienkleidung tragende Geistliche.[6] Ziel war es, schwerwiegende kirchliche Missstände zu beseitigen und auf diesem Weg die Reformation einzudämmen.
Zehn Tage später brach jedoch bereits der Aufstand in Gastein aus. In den Artikeln der Landschaft Gastein, einer den 24 Artikeln vorangegangenen Schrift, wurde von Seiten der Gewerken die freie Wahl der Pfarrer und zudem die Senkung von Zinsen und Abgaben der bäuerlichen Bevölkerung gefordert.[7] Anliegen der Reformation spielten in den Forderungen an den Erzbischof also von Beginn an eine wichtige Rolle.
Die zeitnah formulierten 24 Artikel gemeiner Landschaft Salzburg zeigen ein beachtliches geistiges Niveau.[8] Als Urheber werden die Leute vom Bergwerk und der Landschaft aus der Provinz im Gebirge des Salzburger Bistums genannt, dabei fehlen jedoch Forderungen zum Bergbau völlig. Als Verfasser wurde jener bereits genannte Herr Franz vermutet, der als Prediger im Bergbaugebiet von Schladming wirkte, jedoch in den Quellen zu den Artikeln nicht genannt wird.[9] Seit 1524 hatte Franz, der von den Knappen unterhalten wurde, unter großem Zulauf der Bevölkerung das heilig evangeli und nichts anders gepredigt.[10] Herr Franz wandte sich in seinen Predigten gegen die reichen Geistlichen, ihren Geiz, ihre Missbräuche, ihr schlechtes Exempel und ihre schlechte Lehre und griff sie verbal grob an. Zudem lehnte Franz die Beichte ab. Er wurde auf Anordnung des Landesfürsten, Erzherzog Ferdinand, der im Mandat vom 12. März 1523 das Lesen, Drucken, Verkaufen von Büchern und lutherischen Schriften verboten hatte,[11] verhaftet, aber von den Knappen wieder befreit und in Schutz genommen. Franz kam schlussendlich der Forderung des Landesfürsten nach, stellte sich freiwillig und kam ins Gefängnis nach Leoben, wo sich seine Spur verliert.[12] Seine überlieferte Kritik an den Missständen der Kirche begegnet jedenfalls auch in den 24 Artikeln, und zwar wie folgt:
Nach einer umfangreichen, reformatorisch orientierten Einleitung, in der nicht nur an die grausame Verfolgung lutherischer Prediger, sondern auch an die Verhaftung und Hinrichtung von zwei Bauernsöhnen erinnert wird, wenden sich v. a. die ersten sieben Artikel gegen die Missstände in der Kirche. Mit scharfen Worten wird dort die Vergabe von Pfarren als Pfründen, die Bestellung unfähiger Vikare, der Ablasshandel und Geldforderungen für die Spendung von Sakramenten kritisiert. Die unchristlichen Geistlichen würden als Antichristen das Volk mit ihrer Simonie, Betrügerei und Wieterei niederdrücken, die evangelische Wahrheit verdecken und hätten der wahren Schrift ein Tuch vor die Augen gedeckt.[13] Die weltliche Herrschaftsausübung von Pfarrern und Vikaren wird abgelehnt und die Rolle von Äbten und Pröpsten als Grundherren massiv kritisiert.[14] Die weiteren Artikel richten sich sodann gegen die Leibeigenschaft, die Erhöhung der Anleiten (Abgaben bei Besitzwechsel), den Aufwechsel (Aufgeld beim Geldwechsel, Wucher), die Schreibgebühren, Siegelgelder, Zinsen und Dienste, Abgaben bei Nutzung der Forste, das Ungeld als eine Art Getränkesteuer und besonders gegen Missstände im Gerichtswesen. Vor allem wird die Beseitigung der Grundherrschaft der Klöster und Domkapitel gefordert. Des Weiteren wird in den 24 Artikeln das Verbot der Jagd durch den gemeinen Mann abgelehnt und im 7. Artikel zudem beanstandet, dass der Zehent keine Grundlage im Evangelium habe. In Artikel 8 wird gegen die Untertanenverhältnisse der Leibeigenschaft die Freiheit aller Menschen postuliert.[15]
Die 24 Artikel sind – mit Albert Hollaender formuliert – ein empörter Notschrei gegen die Vergewaltigung des reinen Gotteswortes, der menschlichen Seele, des menschlichen Leibes [...], dessen Sprache so herb und so bitter ist.[16] Peter Blickle vergleicht diese in ihrer Bedeutung gar mit dem Kommunistischen Manifest.[17] Die 24 Artikel wurden im Herbst 1525 zur Gänze in eine 32 Punkte umfassende Beschwerdeschrift der Salzburger Landschaft als Grundlage für Verhandlungen mit dem Erzbischof aufgenommen.[18]
Vertreter der Stadt Salzburg legten in einem undatierten Konzept mit dem Titel Gmainer Stat Salzburg beswerung, einer umstrittenen und revolutionären Schrift, schlussendlich ebenfalls in zeitlicher Nähe in 59 Punkten die tiefgreifendsten und radikalsten Forderungen vor. Darin forderten sie die Übernahme der Regierung durch die Landstände, bestehend aus Adel, Bürgern und der Bauernschaften, statt der Städte und Märkte sowie die Umwandlung des Erzstiftes in ein weltliches Fürstentum – das hätte die Säkularisation des Erzstiftes bedeutet.[19] Die Bauernschaft als neuer Landstand und die Säkularisierung des Erzstifts waren für die Obrigkeit wohl zu weit gehende Forderungen.
Der Aufstand in Salzburg und sein Übergreifen auf das Ennstal
Wegen genannter Einschränkungen und unerfüllter Forderungen besetzten die den Aufstand anführenden Knappen gemeinsam mit den Bauern am 6. Juni die Stadt Salzburg und schlossen den Erzbischof und einige Domherren auf Hohensalzburg ein. Eine Erstürmung der Festung gelang nicht. Der Erzbischof konnte nur von Bayern oder Österreich Unterstützung erhalten und schloss schließlich am 15. Juni 1525 mit Ludwig von Bayern einen geheimen Vertrag, um militärische Hilfe zu seiner Befreiung zu erhalten. In diesem Vertrag stimmte er zu, den bayerischen Herzog Ernst als seinen Koadjutor und Nachfolger anzunehmen.[20]
Der Aufstand weitete sich unterdessen von Salzburg auf das steirische Ennstal aus, wo Bauern und Knappen sich den Salzburger Aufständischen angeschlossen hatten. Unterstützt wurde der Aufstand von reformatorisch gesinnten Geistlichen, die die Kritik an der damaligen Kirche und die bekannten Reformforderungen vertraten. Die Reformation befand sich als Bewegung im Aufschwung und erhielt breiten Zulauf. Die von den Aufständischen selbst gewählte Bezeichnung christliches Bündnis lässt ebenfalls reformatorischen Elan erkennen.[21]
Der zunächst vom Bergrichter Konrad Reustl geführte Aufstand wurde auch von Bewohnern des Ennstals unterstützt. Nachdem Dietrichstein schon am 1. Juli Schladming erreichen sollte, wurde er zwei Tage später von einer bewaffneten Truppe unter Leitung des Gewerken Michael Gruber in einem überfallsartigen Vorstoß überrannt und ein überraschender militärischer Sieg über ein Kontingent steirischer Stände unter der Leitung des steirischen Landeshauptmannes errungen.[22] Die Folgen für die Bevölkerung waren allerdings dann überaus fatal, soweit sie sich dem Aufstand angeschlossen hatte. Dieser Verlauf entsprang keinem langgehegten Plan, sondern blieb im Rahmen des Bauernkrieges in Deutschland eher ein Randgeschehen, das jedoch weit ins Reich Aufsehen erregte, während dort die Niederlage der Aufständischen brutal unzählige Opfer forderte.
Der Überfall auf Schladming und die Folgen

Der Verlauf dieses Ereignisses sei hier näher ausgeführt: In Graz zog Dietrichstein Truppen zusammen, um den Aufstand in der Obersteiermark niederzuringen. Bei einem blutigen Strafgericht in Irdning am 22. Juni wurden Knappenführer aufgespießt und Gräueltaten von böhmischen Landsknechten gegenüber der Bevölkerung verübt. Huldigungen von Orten aus der Umgebung schienen bereits das Ende des Aufruhrs einzuleiten. Da erhielt Dietrichstein die Nachricht von einem Brief der Aufständischen, der die Bürger der Stadt Schladming vor die Wahl stellte, entweder dem Bündnis der Aufständischen beizutreten, oder die Stadt werde angegriffen. Die Bürger Schladmings baten Dietrichstein um Hilfe. Während die Knappen auf der Seite der Aufständischen standen, fürchteten die Schladminger Kaufleute die Schädigung des Handels und die Reaktion des Landesfürsten und des Adels.[23] Dietrichstein beschloss daraufhin, nach Schladming zu ziehen, und traf am 1. Juli in der Stadt ein; der größere Teil seines Aufgebots lagerte vor den Toren, in der Meinung, dort kaum Angriffen ausgesetzt sein zu können.
Der Bergrichter Konrad Reustl an der Spitze der Aufständischen im oberen Ennstal hatte sich zuvor mit den Knappen und Bauern über den Mandlingpass zurückgezogen,[24] denn inzwischen war Graf Niklas von Salm – der spätere Verteidiger Wiens 1529 gegen die osmanische Belagerung – als oberster Feldhauptmann der kaiserlichen Truppen mit einem weiteren Aufgebot zur Verstärkung für Dietrichstein ins Ennstal aufgebrochen.
Die Nachricht vom Aufbruch der Truppen Salms in das Ennstal motivierte die dortigen Aufständischen, rasch zu handeln. Sie organisierten ein Aufgebot von über 3.000 Mann unterschiedlicher Herkunft und wählten den Brixentaler Bergwerksverweser Michael Gruber aus Bramberg an die Spitze. Gruber griff zu einer List. Er schickte zwei Boten zu Dietrichstein nach Schladming. Diese beschwerten sich über Dietrichsteins Gräueltaten und kamen zu einem Waffenstillstand von acht Tagen überein.[25]
Während der Vorbereitungen Dietrichsteins zum Aufbruch rückten in der Nacht zum 2. Juli zwei Verbände der aufständischen Bauern und Knappen unbemerkt auf beiden Seiten der Enns, links durch die Ramsau-Leithen und rechts über Rohrmoos, die Hänge herab und bis zum Fastenberg vor.[26] Am nächsten Tag um vier Uhr früh rückten die Reisigen Dietrichsteins aus dem Salzburger Tor über die Ennsbrücke heran. Man ließ das Tor offen. Die in der Nacht an die Stadt Schladming herangerückten Truppen unter der Führung Grubers stürmten um fünf Uhr vom Fastenberg herab zum Grazer Tor, forderten Dietrichsteins Söldner zum Überlaufen auf und konnten das Grazer Tor besetzen. Zugleich erhielt die Nordgruppe das Angriffssignal und stürmte gegen die Ennsbrücke. Das Geschütz vor dem Salzburger Tor wurde gekapert, die Mannschaft teils niedergemacht, teils in die Flucht geschlagen.[27] Etwa 130 Salzburger besetzten das Tor, die übrigen drangen durch das geöffnete Tor in die Stadt, überrumpelten Dietrichstein sowie seine Landsknechte und nahmen ihn und adelige Anführer gefangen.[28] Unter den Adeligen gab es auch Tote und Verwundete.
Gruber ließ nach der Flucht der Reisigen und Husaren auf dem Hauptplatz eine gmain (Gerichtsversammlung) für Dietrichstein einberufen und ihn nach dem Zeremoniell der Landsknechte in den Ring der Knappen, Bauern und Knechte führen.[29] Dietrichstein wurden die Grausamkeiten der böhmischen Landsknechte im bisherigen Bauernkrieg vorgehalten. Seine durchaus reformatorische Haltung spielte hier keine Rolle. Die Landschaft der Aufständischen beschloss, dass Dietrichstein mit den gefangenen Adeligen hingerichtet werden sollte. Zu seiner Verteidigung meldete sich niemand, und durch allgemeines Handheben schien über Dietrichstein das Todesurteil gefällt.
Dann erteilten die Bauern Dietrichstein das Wort zur Rechtfertigung. Der Landeshauptmann sprach nun offenbar so geschickt und hinreißend, dass die Landsknechte der Aufständischen ihre Waffen zum Schutz Dietrichsteins erhoben und so dessen Leben retteten. Ihm wurde nun ritterliche Haft zugesichert. Bevor Dietrichstein und weitere adelige Gefangenen nach Radstadt und auf die Salzburger Feste Hohenwerfen geführt wurden, mussten sie jedoch noch zusehen, wie etwa 40 Böhmen und Husaren aus seiner Truppe enthauptet wurden.[30]
Als Hauptmann der Landschaft der Aufständischen in Salzburg unterschlug Erasmus Weitmoser jedoch den schriftlichen Befehl zur Hinrichtung Dietrichsteins und 18 gefangener Adeliger und erreichte mit der Inhaftierung auf Hohenwerfen, dass die Aufständischen mit Dietrichstein und den Adeligen ein Faustpfand für künftige Unterhandlungen hatten.[31] Niklas von Salm verzichtete nach der Nachricht von der Niederlage Dietrichsteins auf ein weiteres Vorrücken. Am 3. Juli traf er in Rottenmann ein und stieß hier auf die Reste der Truppe Dietrichsteins aus Schladming.[32]
Im Sommer konnten der Salzburger Erzbischof mit militärischer Hilfe des Schwäbischen Bundes aus seiner Festung befreit werden. Salm zog sich hingegen am 4. Juli mit einigen hundert Reitern und etwa 50 Fußknechten von Rottenmann, wo er eine Besatzung zurückließ, nach Leoben zurück und verfasste darüber einen Bericht.[33] Die Bauern im Ennstal schlossen sich unterdessen wieder den Aufständischen an und besetzten Talengen und Klausen.[34]
Das Ende des Aufstands in Salzburg und im Ennstal
Am 31. August wurden in Salzburg auf Vermittlung von Bischof Berthold Pürstinger als Sprecher der aufständischen Landschaft ein Waffenstillstand und ein Vertrag geschlossen. In diesem wurden nach der Kapitulation der Landschaft vor dem Schwäbischen Bund sowohl Straffreiheit zugesichert als auch eine allgemeine Amnestie des Fürsterzbischofs für die Aufständischen ohne weitere Hinrichtungen erwirkt – ein mildes Vorgehen, das der damaligen militärischen Patt-Situation entsprach. Die aufständischen Bauern und Knappen wiederum waren in den Waffenstillstand nicht einbezogen worden und dementsprechend unzufrieden. Ihnen wurde 14.000 Gulden als Kostenersatz an den Schwäbischen Bund auferlegt. Nach dem Waffenstillstand und der Amnestie für die Salzburger Aufständischen wurden am 8. September auch die prominenten Gefangenen auf Hohenwerfen nach Leistung einer Urfehde bzw. der Zusicherung, sich jeglicher Rache zu enthalten, wieder freigelassen.
Das Strafgericht Salms im Ennstal
In der Steiermark versammelte Salm erst am 7. September die Reisigen und Landsknechte in Leoben, um zum Feldzug gegen Schladming und ins Ennstal aufzubrechen. Der undatierte Befehl des obersten Feldhauptmanns Salm, zur alten Ordnung zurückzukehren und die im September in 14 Artikeln aufgestellten Forderungen anzunehmen, bedeutete: Die Rädelsführer seien auszuliefern oder anzuzeigen, und man habe keinem Bund mehr anzugehören. Wer zum Aufruhr aufrufe, der sei gefangen zu nehmen oder zu erschlagen. Die Rädelsführer in Schladming dürften nicht aufgenommen werden, diese würden nicht begnadigt, würden Hab und Gut verlieren und ihre Häuser sollten zerstört werden. Waffen, Fahnen und große Sturmglocken müssten abgeliefert werden – um nur einige der Befehle hier anzuführen.[35]
Ein Generalmandat Ferdinands I. vom 18. September galt allen Aufständischen. Am 22. September erging an Salm der Befehl, gegen Schladming und Eisenerz vorzugehen. Von der Hofkammer in Wien wurde dem steirischen Vizedom aufgetragen, Güter, Berg- und Hüttenwerke der Schladminger Bürger, Einwohner und Knappen zu beschlagnahmen.[36]
Erst am 29. September kam Salm wieder zurück nach Rottenmann, am 1. Oktober zog er nach Irdning, am nächsten Tag bis Gröbming und am 3. Oktober nach Schladming. Ein kurzer Kampf gegen 300 Knappen vor der Stadt endete mit deren Niederlage und Flucht.[37] Die Vorräte an Schmelzwerk wurden vergraben, danach wurde die Stadt niedergebrannt[38] Gleiches geschah in Johnsbach. Die Bürger, Arbeiter und Knappen mussten auf die 14 Artikel schwören und 1.200 fl. Brandschatzungssteuer bezahlen. Die Rädelsführer mussten ausgeliefert werden, zwei von ihnen wurden gehängt. Die Bruderschaft der Köhler und Knappen wurde aufgelöst und ihr Vermögen eingezogen. Auch in den Schladminger Tälern, in der Ramsau, in Haus und Gröbming wurden die Aufständischen und „Ungehorsamen” hart bestraft. Zahlungen der weniger Belasteten für das Nicht-Niederbrennen ihrer Häuser sollten die nunmehr wegfallenden landesfürstlichen Einnahmen aus dem Salzbergbau und Eisenabbau sicherstellen. Einen Angriff über den Mandlingpass ins Erzbistum wegen der Flucht der Schladminger untersagte Ferdinand I. Dann ging Salms Zug weiter nach Eisenerz und Vordernberg. Eine Gruppe von 300 Knechten unter Hauptmann Kilian Kaufmann nahm die Kapitulation der Bewohner von Landl entgegen. Sie mussten ebenfalls eine Brandschatzungsabgabe für jedes nicht zerstörte Haus bezahlen.[39]
Salm berichtete nach Wien, er habe noch kein erschrockeneres Volk gesehen als hier, es werde künftig gehorchen. Die Schladminger Gewerken und Bürger baten im Oktober um den Wiederaufbau ihrer Häuser, was erst ein halbes Jahr später den nachgewiesenen Unschuldigen erlaubt wurde. Die Marktrechte erhielt Schladming erst wieder 1530 und hundert Jahre später eine Stadtmauer aufgrund der damaligen Kriegsgefahr. Das Stadtrecht erhielt Schladming gar erst 400 Jahre später wieder. Die Regierung in Wien konnte die vom Erzstift Salzburg geforderte gewaltige Kostenentschädigung für die Teilnehmer am Zuge Dietrichsteins nicht einbringen. Ein neuerlicher Aufstand von Salzburger Bauern 1526 vereitelte die schon vorher ohnehin aussichtslosen Zahlungen nach Wien.[40]
Beurteilung der Ereignisse und weitere Entwicklung
In der Beurteilung der Ereignisse des Jahres 1525 für Salzburg stellt Heinz Dopsch den Terminus Bauernkrieg in Frage. Die Bauern schlossen sich aufgrund ihrer Unzufriedenheit zwar dem Aufstand an und stellten einen wesentlichen Teil des Heeres, die Initiative lag jedoch bei den Gewerken und Bergknappen und ihrem harten Kern der kämpfenden Truppe. Ebenso wenig zutreffend sei der Begriff Revolution, vielmehr seien Aufruhr und Empörung zutreffend, wie sie auch in den zeitgenössischen Quellen verwendet worden sind. Die Bewegung sei ein Aufstand gegen die frühneuzeitliche Gesetzgebung des beginnenden „modernen Staates" wie auch gegen die weltliche Herrschaft der Kirche gewesen.[41] Hingegen wertete zuvor schon Pferschy das Ereignis knapp als „sozialrevolutionäre Bewegung", die - entgegen sonst ausgleichenden Vorgehens - auch zu großer Härte der Regierung gegen die Aufständischen führte.[42]
Eine bemerkenswerte religionsgeschichtliche Folge des harten Vorgehens gegen die Bauern und Knappen war schlussendlich die stärkere Hinwendung zur Reformation in den Schladminger Tälern, in der Ramsau und auf der Walderhöhe, wo die Söldner des Landesfürsten am grausamsten gewütet hatten. Darüber urteilte 70 Jahre später der Hofsekretär Georg Mayer: In Schladming hängt den Leuten noch aus den Zeiten des Bauerkrieges an, sich gegen das zu verbinden, was ihrem Hasse verfallen.[43]
Anmerkungen
[1] Ausführlichere Darstellung zum Thema: Rudolf K. Höfer, Ein Sieg mit fatalen Folgen. Zum Bauernaufstand 1525 in Schladming. In: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich 141/142 (2025/26), 73–85; vgl. Karl Gutkas (Hg.), Die Bauernkriege in Österreich. Historische Sonderausstellung, gestaltet mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, des Kulturreferates der Nö. Landesregierung und der Stadtgemeinde St. Pölten vom Museumsverein Pottenbrunn [Österreichisches Zinnfigurenmuseum im Schloss Pottenbrunn, St. Pölten, Katalog der Sonderausstellung „Die Bauernkriege in Österreich”, 30. März bis 3. November 1974] (St. Pölten 1974). Im Rahmen eines kleinen Aufsatzes kann von der zahllosen Literatur nur eine Auswahl berücksichtigt werden.
[2] Ernst Bruckmüller, Die Strafmaßnahmen nach den bäuerlichen Erhebungen des 15. bis 17. Jahrhunderts. In: Erich Zöllner (Hg.), Wellen der Verfolgung in der österreichischen Geschichte (= Schriften des Instituts für Österreichkunde 48, Wien 1986), 95–117, hier 98.
[3] Heinz Dopsch, Bauernkrieg und Glaubensspaltung. In: Heinz Dopsch/Hans Spatzenegger, Geschichte Salzburgs II/1 (Salzburg 1988), 11–131 [in Folge: Dopsch, Bauernkrieg], hier 35f.
[4] Georg Pfeilschifter, Acta Reformationis Catholicae I: 1520–1532 (Regensburg 1959), 329–334, Nr. 123 (in mehreren Drucken überliefert) und 334–346, Nr. 124; Dopsch, Bauernkrieg 35f.; Rudolf K. Höfer, „Cuius regio, eius et religio”. Reformation, Gegenreformation und Katholische Reform in der Steiermark. In: Heimo Kaindl/Alois Ruhri (Hgg.), Thron und Altar. 1000 Jahre Staat und Kirche (Graz 1996), 102–115, hier 103; Johann Sallaberger, Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg. Staatsmann und Kirchenfürst im Zeitalter von Renaissance, Reformation und Bauernkriegen (Salzburg–München 1997) [in Folge: Sallaberger, Kardinal], hier 303f.
[5] Rudolf Leeb, Der Streit um den wahren Glauben – Reformation und Gegenreformation in Österreich. In: Rudolf Leeb/Maximilian Liebmann u. a. (Hgg.), Geschichte des Christentums in Österreich. Von der Spätantike bis zur Gegenwart (= Österreichische Geschichte, Ergänzungsband, Wien 2003), 145–279, hier 170f.
[6] Dopsch, Bauernkrieg 36–38; Sallaberger, Kardinal 303f.
[7] Dopsch, Bauernkrieg 43–45.
[8] Abgedruckt bei Albert Hollaender, Die vierundzwanzig Artikel gemeiner Landschaft Salzburg. 1525. Ein Quellenbeitrag zur Geschichte des Bauernkriegs in Südostdeutschland. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 17 (1931), 65–88 [in Folge: Hollaender, Die vierundzwanzig Artikel], hier 79–88.
[9] Dopsch, Bauernkrieg 45; Rudolf K. Höfer, Die kirchliche Entwicklung Schladmings bis 1600. In: Günter Cerwinka/Walter Stipperger, Schladming. Geschichte und Gegenwart (Schladming 1996), 79–100, hier 88; Werner Ogris, Anleite. In: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte I (1971), 175–177.
[10] Gerhard Pferschy, Der Bericht Wolfgang Grasweins über die Verhandlungen der Schladminger Knappen im Dezember 1524. In: Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs 26 (1976) 57–72, hier 60.
[11] Gustav Reingrabner, Protestanten in Österreich. Geschichte und Dokumentation (Graz–Wien–Köln 1981), 17f.
[12] Heinrich Kunnert, Aus der Geschichte des Schladminger Bergbaues. In: Blätter für Heimatkunde 7 (1929), 85–91, hier 85.
[13] Dopsch, Bauernkrieg 45.
[14] Dopsch, Bauernkrieg 45.
[15] Gerhard Florey, Sozialrevolution und Reformation im Erzstift Salzburg. In: Peter F. Barton (Hg.), Sozialrevolution und Reformation. Aufsätze zur Vorreformation, Reformation und zu den „Bauernkriegen” in Südmitteleuropa (= Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte 2, Graz 1975), 42–61, hier 52.
[16] Hollaender, Die vierundzwanzig Artikel 69.
[17] Peter Blickle, Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes (München 1998), 36.
[18] Dopsch, Bauernkrieg 46.
[19] Hans Widmann, Zwei Beiträge zur salzburgischen Geschichte. In: Programm des k. k. Gymnasiums Salzburg (1897), 16–27, hier 20–27 (Edition der Beschwerdeschrift).
[20] Dopsch, Bauernkrieg 48f.
[21] Sallaberger, Kardinal 349.
[22] Dopsch, Bauernkrieg 51; Roland Schäffer, Der obersteirische Bauern- und Knappenaufstand und der Überfall auf Schladming 1525 (= Militärhistorische Schriftenreihe 62, Wien 1989) [Schäffer, Überfall], hier 28, mit einer detaillierten Ereignisstudie; Jodok Stülz, Bericht des Landeshauptmannes Siegmund von Dietrichstein an den Erzherzog Ferdinand über den Überfall zu Schladming am 3. Juli 1525. In: Archiv für Österreichische Geschichtsquellen 17 (1857) [in Folge: Stülz, Bericht], hier 142; Michael Maria Rabenlechner, Der Bauernkrieg in Steiermark 1525 (Erl. und Erg. zu Janssens Geschichte des deutschen Volkes, Bd. 2, H. 5, Freiburg 1901) [Rabenlechner, Bauernkrieg], hier 29.
[23] Schäffer, Überfall 28; Stülz, Bericht 142; Rabenlechner, Bauernkrieg 29.
[24] Dopsch, Bauernkrieg 50 berichtigt den Vornamen auf Konrad Reustl.
[25] Dopsch, Bauernkrieg 51; Siegfried Hoyer, Das Gefecht bei Schladming im deutschen Bauernkrieg 1524–1526. In: Militärgeschichte 3 (Berlin-Ost 1973), 340–348 [in Folge: Hoyer, Gefecht], hier 344.
[26] Schäffer, Überfall 32.
[27] Rabenlechner, Bauernkrieg 31; Schäffer, Überfall 33; Hoyer, Gefecht 347.
[28] Hoyer, Gefecht 344; dazu auch Schäffer, Überfall 32; Rabenlechner, Bauernkrieg 30f.
[29] Schäffer, Überfall 34.
[30] Hans Pirchegger, Geschichte der Steiermark: 1282–1740, mit einem Anhang, Bd. 2 (Graz–Wien–Leipzig 21942) [in Folge: Pirchegger, Geschichte], 360; Maximilian Liebmann, Die Anfänger der Reformation in der Steiermark. In: Evangelisch in der Steiermark. Glaubenskampf – Toleranz – Brüderlichkeit. Ausstellungsführer (Graz 1981), 7–15, hier 11f.; Hannes P. Naschenweng, Die Landeshauptleute der Steiermark 1236–2002 (Graz 2002), 118.
[31] Dopsch, Bauernkrieg 53.
[32] Pirchegger, Geschichte 360.
[33] Gerhard Pferschy, Die Bauernaufstände. In: Gerhard Pferschy (Red.), Der Steirische Bauer. Leistung und Schicksal von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Katalog der Steirischen Landesausstellung 1966 (= Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchives 4, Graz 1966), 126–151 [in Folge: Pferschy, Bauernaufstände], hier 139.
[34] Schäffer, Überfall 37.
[35] Pirchegger, Geschichte 362; Rabenlechner, Bauernkrieg 48; Joseph von Zahn, Murau im Bauernkriege von 1525. In: Steiermärkische Geschichtsblätter 1 (1880), 129–156, hier 147–150.
[36] Rabenlechner, Bauernkrieg 48; Schäffer, Überfall 45.
[37] Pirchegger, Geschichte 362.
[38] Bruckmüller, Strafmaßnahmen 99; Gerhard Pferschy, Aufstand und Zerstörung 1525. In: Günter Cerwinka/Walter Stipperger, Schladming. Geschichte und Gegenwart (Schladming 1996), 33–40.
[39] Schäffer, Überfall 46–48.
[40] Pirchegger, Geschichte 363.
[41] Dopsch, Bauernkrieg 57.
[42] Pferschy, Bauernaufstände 127.
[43] Pirchegger, Geschichte 364.
Ao. Univ.-Prof. i. R. Mag. Dr. Rudolf K. Höfer studierte römisch-katholische Theologie und Geschichte. Er lehrte als außerordentlicher Universitätsprofessor für Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität in Graz. Mitglied der Historischen Landeskommission für Steiermark seit 2000.
Forschungsschwerpunkte: Kirchengeschichte Steiermarks und Österreichs, Reformationsgeschichte der Steiermark, Josephinismus, Frauenklöster, Siegel der Erzbischöfe und Bischöfe in der Salzburger Metropole.




