Lehrreiche „Grenzüberschreitungen“
Wernfried Hofmeister
Im Sommersemester 2024 durfte der Verfasser dieses Blogbeitrags an der Universität Graz die mittlerweile bereits vierte Ringvorlesung zwischen der HLK und der Universität Graz betreuen. Der dafür gewählte Titel lautete „
Grenzüberschreitungen. Transdisziplinäre Betrachtungen herausragender Ereignisse, Ideen und Entwicklungen im Kontext der steirischen Landesgeschichte”. Am Ende oblag dem Koordinator auch die Herausgabe der Vorträge in der HLK-Buchreihe „Memoranda Styriaca. Lehrkooperationsbeiträge Uni Graz – Historische Landeskommission für Steiermark”, und nun, nach erfolgreichem Abschluss dieser Aufgabe kann der neueste Reihenband vorgestellt werden, rechtzeitig vor Beginn der fünften Ringvorlesung – aber dazu erst ganz unten mehr.[1]
Die ersten vier Ringvorlesungen bilden eine Art Themenzyklus, welcher 2024 vom Thema „Grenzüberschreitungen” abgerundet wurde. Deshalb sei jetzt vor der Skizzierung der einzelnen Beiträge des aktuellen Bandes ein kurzer summarischer Rückblick auf das gesamte bisherige Kooperationsgeschehen und seine tiefere ‚Ideologie’ geboten.[2]
Zur Geschichte der Ringvorlesungskooperation
Begonnen hatte alles mit der vom Vizerektorat für Studium und Lehre an der Universität Graz finanzierten Ringvorlesung „Mythos.Macht.Geschichte. Historische Konstruktionen des Erinnerungsraumes Steiermark und Innerösterreich” im Sommersemester 2018 sowie mit dem seitens der HLK daraus hervorgegangenen ersten Reihenband, der bereits 2019 veröffentlicht werden konnte.[3] Das Eröffnungsthema leistete mittels seines transdisziplinär breiten Horizonts zwischen Mittelalter und jüngster Vergangenheit grundlegende methodische Schärfungen, verbunden zum einen durch zentrale Begriffe wie ‚Erinnerung’, ‚Quellen’ oder ‚Wahrheit’ im Kontext von oft dominant herrschaftszentrierter Geschichtsschreibung und zum andern durch die Verankerung im einzigartigen, einem Schmelztiegel der Geschichte gleichenden ‚Geschichtslabor Steiermark’ gemäß seinen historischen Grenzen.
Die 2020 nachfolgende, 2021 publizierte Ringvorlesung „Fälschung! Eine fächerübergreifende Spurensuche in der steirisch-innerösterreichischen Landesgeschichte” hob aus der vorangegangenen Themenreflexion den zentralen Aspekt des historischen Echtheits‑ bzw. Wahrheitsanspruchs hervor – befeuert nicht zuletzt durch den Umstand, dass in den damals bereits virulenten nationalpolitischen Bewegungen (in Europa und Übersee) der für vermeintlich alle Ideologien verbindliche Faktenbegriff spürbar unterminiert, ja vorsätzlich diskreditiert worden war; die zeitgleich zu Beginn der Ringvorlesung ausgebrochene Coronaepidemie verstärkte diesen Eindruck und damit die Brisanz der Lehrveranstaltung.[4]
Fast logisch fortgeschrieben lautete der Titel der im Sommersemester 2022 angebotenen Ringvorlesung „Umbruchszeiten. Epochale Krisen und Neuanfänge im Spiegel der steirischen Landesgeschichte”, denn die Epidemie hatte die Welt mannigfach herausgefordert – physisch und psychisch – und in vielerlei Hinsicht zu Neuanfängen gezwungen; dies rief abermals nach einem nachdenklichen, lehrreichen Blick in den Rückspiegel der Geschichte. Dass kurz vor Beginn der Vorlesung der Ukrainekrieg begonnen hatte, der unweigerlich weitere gewaltige Umbrüche mit sich brachte, führte abermals zu einer fast beklemmenden Aktualisierung des Vorlesungsthemas. Nach Überwindung unerwarteter beruflicher Herausforderungen bei einigen Beteiligten konnte der Band 3 der Ringvorlesungsreihe im Frühjahr 2025 vorgelegt werden.[5]
Da sich über die ersten drei Lehrveranstaltungen hinweg der vielschichtige Begriff der ‚Grenze’ als besonders produktiv sowie gegenwärtig und historiographisch zunehmend relevant erwiesen hatte, lautete der Titel der abschließenden Ringvorlesung der Tetralogie im Sommersemester 2024 „Grenzüberschreitungen. Transdisziplinäre Betrachtungen herausragender Ereignisse, Ideen und Entwicklungen im Kontext der steirischen Landesgeschichte”. Näheres dazu folgt gleich, doch sei davor mit ein paar Worten der lehr‑ und publikationstechnische Rahmen der Kooperation zwischen der HLK und dem Rektorat der Universität Graz umrissen.
Kooperationsdetails

Das HLK-intern eigeninitiativ entwickelte Rahmenkonzept der Lehr‑Publikations-Kooperation datiert bereits aus dem Februar 2017. Auf seiner Basis wurde im Lichte des erfolgreichen Abschlusses der ersten Ringvorlesung und ihrer zügigen Drucklegung in Absprache mit dem Rektorat der Universität Graz ein Kooperationsvertrag entwickelt und im Herbst 2019 öffentlich unterzeichnet.[6] Dieser Vertrag gewährleistet seitdem die notwendige Planungssicherheit, indem er zweijährlich zu verschiedenen fächerübergreifenden Themen geschichtsforschungsbasierte Lehrveranstaltungen vorsieht, welche von der Universität Graz angeboten und finanziert werden. Der HLK obliegt es, hierfür geeignete Themen vorzuschlagen, die Lehrveranstaltung zu koordinieren und am Ende für die Buchwerdung zu sorgen.
Mit diesem Ziel vor Augen sind im kollegialen Einvernehmen mit Martin Polaschek, dem vormaligen Vizerektor für Studium und Lehre und nachmaligen Rektor der Universität Graz (sowie seit 2017 HLK-Mitglied), und später mit seiner Amtsnachfolgerin im Vizerektorat, Kathrin Walter-Laager, umfangreiche thematische und personelle Synergien zwischen der Universität Graz (aus fast allen ihren Fakultäten) und der HLK aktiviert worden. Hinzu kam die Einbeziehung anderer hochrangiger Institutionen resp. ihrer fachlich führenden Persönlichkeiten mit steiermarkbezogener Geschichtsexpertise, namentlich aus dem Steiermärkischen Landesarchiv, der Grazer Technischen Universität, der Kunstuniversität, der Fachhochschule Joanneum, dem Bundesdenkmalamt sowie der Geschichtsvereinigung Clio (Grazer Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit). Insgesamt traten über die Jahre 26 Persönlichkeiten in Erscheinung, darunter nicht weniger als 15 HLK-Mitglieder; auf den Stand von heute bezogen gehören übrigens 18 von ihnen dem Wissenschaftlichen Kollegium der HLK an, was indirekt nahelegt, dass eine erfolgreiche Mitwirkung an HLK-Ringvorlesungen womöglich gewisse ‚Nebeneffekte’ haben konnte.
Für die konkrete Ausgestaltung der bisherigen vier Lehr-Publikations-Unternehmen entschied sich ihr Koordinator dafür, Ringvorlesungen anzubieten (also keine Seminare, Workshops etc.), jedoch nicht in einem ‚klassischen‘ Format, bei welchem in jeder der bis zu 14 Einheiten eine neue Person in Erscheinung tritt. Stattdessen arrangierte er allsemesterlich sechs Fachbereichs‑ und Vortragsblöcke und ersuchte die dafür von ihm ins Auge gefassten Expert·innen um die Abhaltung zweier, aufeinander aufbauender Einheiten, nicht ausgeschlossen gelegentlich gewünschte Aufteilungen eines Fachbereichs auf zwei miteinander eng kooperierende Vortragende. Diese stark verkleinerte, auf Fächer konzentrierte Runde machte es im Zuge der Lehrplanung aussichtsreicher, vernetzende Lehrteam-Vorbesprechungen unter Anwesenheit wirklich aller Beteiligten abzuhalten und in kollegialer Absprache mit ihnen die thematisch optimale Reihenfolge der Fächerblöcke festzulegen. In weiterer Folge unterstützte dieses Konzept die Fachvortragenden dabei, ihren Studierenden aus den diversen Fächern und Studienabschnitten in zwei aufeinanderfolgenden Vortragseinheiten sowohl einführende als auch vertiefende Themendarstellungen am Puls der Fachforschung zu bieten. Die restlichen Randeinheiten nützte der Koordinator für Einführendes bzw. Rückblickendes; hinzu kamen die Klausurtermine, pro Vorlesung drei, aufgeteilt auf knapp ein Jahr.
Für das Buchdesign der 2019 eigens gegründeten HLK Buchreihe lag es nahe, die Kooperation durch die Wahl der Leitfarben der beiden tragenden Institutionen, Grün und Gelb, auch symbolisch sichtbar zu machen, außen wie innen. Die per Buchdruck angestrebte Nachhaltigkeit der Vorträge, welche großteils auf eigens neu geleisteten Forschungsarbeiten beruhen, wird materiell durch den festen Einband verstärkt, immateriell durch das freie (Open Access) online-Stellen der vorangegangenen Reihenpublikationen, sobald ein neuer Band erschienen ist.[7] Sämtliche Bände der Reihe „Memoranda Styriaca” wurden im Rahmen öffentlicher Buchpräsentationen bekannt gemacht, um den Stellenwert der Kooperation bewusst zu halten.
Regionalgeschichtliche Mehrwertlehre
Den freilich alles entscheidenden Teil dieses umfassenden Nachhaltigkeitsdenkens rund um eine steiermarkbezogene Historiographie stellten die Studierenden dar: Von ihrer Teilnahme hing das Wohl und Wehe des gesamten Unternehmens ab! Um sie daher mit dieser außertourlichen Lehre (meist in Form eines freien Wahlfach-Angebots) am frühen Mittwoch Abend im Sommersemester zu erreichen, galt es, fächerübergreifend attraktive Vorlesungstitel und Vortragende zu finden, das darauf fußende Rohkonzept zwischen dem Ständigen Ausschuss der HLK und dem Vizerektorat für Lehre an der Universität Graz klar strukturiert zu akkordieren, hernach per konkreten Anrechnungsoptionen durch alle betroffenen Curriculakommissionen studientechnisch integrieren zu lassen sowie das ‚Lehrsonderangebot‘ allseits mit viel Verve zu bewerben. Viribus unitis gelangen diese viermaligen Kraftakte und sorgten dafür, dass die bisherigen vier Ringvorlesungen in Summe rund 400 Inskriptionen verzeichnen konnten, der reale Besuch der Einheiten sogar gegen Semesterende nur selten unter 20 Personen fiel und insgesamt 93 Studierende an den schriftlichen Klausuren teilnahmen, erfreulicherweise samt und sonders erfolgreich.
Nicht vergessen seien an dieser Stelle die Gasthörenden, denn gestützt auf die schon erwähnten Vorlesungsfolder, die bereits etliche Wochen vor Beginn der Lehrveranstaltung sämtliche Termine und Vortragstitel bekannt machten (und z. B. per Briefpost an die Mitglieder des Historischen Vereins für Steiermark verschickt wurden), öffnete sich jede Ringvorlesung auch für jene Geschichtsinteressierten, die nur einzelne Einheiten besuchen und nicht unbedingt ‚prüfungsaktiv’ werden wollten. Zusätzlich wiesen die Folder[8] auf eine weitere Besonderheit der Ringvorlesungen hin: Zwecks Verdeutlichung des häuserverbindenden Kooperationsgedankens fungierte außer der Universität Graz auch das Steiermärkische Landesarchiv, dessen oberstes Stockwerk u. a. die HLK beherbergt, als Lehrveranstaltungsort.
Welche Rolle bei solchem Ringen um Aufmerksamkeit die regelmäßigen Homepagemeldungen der Uni Graz kurz vor dem Beginn einer neuen Ringvorlesung spielten, manchmal unter Einbeziehung eines jüngst erschienenen Bandes aus der Vorlesungsreihe, kann nicht genau gesagt werden, sie haben der Kooperation jedoch sicher ebenfalls sehr genützt.[9] – Mittels all dieser positiven Kräfte und Partnerschaften strebte also die Lehrkooperation danach, der regionalen Geschichtsforschung eine dauerhafte und gut hörbare Stimme zu verleihen.
Allgemeines zum Band „Grenzüberschreitungen“
Damit zurück zum aktuellen Reihenband: Wie schon für die vorangegangenen drei Bände wurden auch für den neuen Band die Vorlesungsinhalte für ihre Verschriftlichung von den Autor·innen aktualisiert und angepasst. Der thematische Kernbestand der Vorlesung blieb davon jedoch unberührt, und da wie erbeten alle Vortragenden ihre Beiträge abgegeben haben, kann das Buch zur Vorlesung – mit seiner schon gewohnten Beitragsanordnung in der Reihenfolge der Lehrveranstaltung – uneingeschränkt als ‚Memorandum’ gelten.
Die fachliche Buntheit des Bandes resultiert nicht zuletzt aus dem Bemühen des Koordinators, bei seiner personellen Besetzung des Themas „Grenzüberschreitungen” auch institutionelle Grenzen zu überschreiten. Daher finden sich nach dem ersten, dreiteiligen Vortragsblock aus den Lehr‑ und Forschungsbereichen der klassischen Geschichtswissenschaften mit ihrem Blick auf sehr konkrete Grenzüberschreitungen drei gewissermaßen komplementäre, eher abstrakt ‚grenzüberschreitende’ Beiträge aus den Gefilden der TU Graz (Architekturgeschichte), der FH Joanneum (Designgeschichte) sowie der
URBI-Fakultät an der Universität Graz (Fachbereich Erziehungswissenschaften). Trotz dieser Diversität sollte eine zumindest exemplarische Homogenität dadurch gewährleistet sein, dass sich, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, jeder der sechs Beiträge auf geografische und mentale Grenzlinien bezieht und dies an Entwicklungen aus der steirischen Geschichte illustriert. Darüber hinaus – so die Hoffnung des Herausgebers – sollten damit alle bisherigen vier Reihenbände als etwas in sich Geschlossenes, gewissermaßen großes Ganzes erkennbar werden.
Die Beiträge im Einzelnen






Die pointierte Fragestellung im Beitrag von Harald Heppner (Fachbereich Südosteuropäische Geschichte) „Die Steiermark – ein Teil des Balkans?” verheißt und beschreibt ganz im Sinne der Vorlesung Grenzüberschreitungen auf mehrfache Weise: Betroffen sind zum einen Völkergrenzen, die im Großraum des Balkans im Laufe der Jahrhunderte durch machtpolitische Unternehmungen in gegenläufige Richtungen verschoben worden waren; sie haben zu jenen Migrationsströmen in die Steiermark (und weit darüber hinaus) oder zu Orientierungen nach Südosten geführt, deren Spuren bis in unsere Gegenwart gut sichtbar sind, mit geprägt von Grenzen überwindenden Persönlichkeiten wie Josef Freiherr von Hammer-Purgstall oder Graf Anton Prokesch von Osten. Darauf gründende Klammern stellen heute auf wirtschaftlicher Ebene zahlreiche Unternehmen dar, welche speziell zwischen der Steiermark und den südöstlichen Nachbarländern erfolgreich agieren. Im Zusammenhang mit diesen historischen Hintergründen illustriert Heppners Studie zum andern das Entstehen von mentalen, identitätsbezogenen Grenzen, also von Trennlinien im Kopf, die sich zwischen einem vermeintlich rein westlich oder in Richtung Balkan orientierten Macht‑ und Wertebild etabliert haben. Am Ende des Beitrags findet sich eine salomonische, umsichtig differenzierende Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach der ‚Balkanhaltigkeit’ der Steiermark. (Abb. 4)
Den schicksalhaften Auswirkungen der an der steirischen Südgrenze mehrfach verschobenen Machtdomänen spürt Heimo Halbrainer in seinem (NS-geschichtlichen) Beitrag „Fliehen, schleppen und schleusen. Illegale Grenzübertritte an der steirisch-slowenischen Grenze in den 1930er bis 1950er Jahren” nach. In Übereinstimmung mit Harald Heppners Befund und diesen am gewählten Zeitausschnitt vertiefend, werden an konkreten Einzelschicksalen Grenzübertritte in beide Richtungen beschrieben; sie standen vorrangig im Zusammenhang mit ethnopolitischen und wirtschaftlichen Interessen bzw. Notwendigkeiten und führten zu mehr oder minder legalen Überschreitungen. Im Zentrum stehen jüdische Schicksale, festgemacht am Beispiel des Schleppers Josef Schleich: Sein im Grunde kriminelles, vom NS-Regime und nolens volens von der Israelitischen Kultusgemeinde unterstütztes Handeln verdeutlicht, dass sowohl das reale als auch das damit einhergehende moralische Überschreiten von Grenzen in Grauzonen stattfand und die Weltgemeinschaft wohl auch deshalb versagt hat. Trotz dieses historischen Nebels resp. ‒ mit Johannes Fried gesprochen ‒ Schleiers der Erinnerung[10] wird Halbrainers implizit gestellte Frage, ob Josef Schleich etwa mit dem Judenretter Oskar Schindler vergleichbar sei, mit einem ganz klaren Nein beantwortet, denn in der intrinsischen Bandbreite zwischen Selbstlosigkeit und Eigennutz hatte den Judenschlepper Josef Schleich offensichtlich nur Letzterer angetrieben. (Dass dies vor nicht allzu langer Zeit in Teilen der Geschichtswissenschaft anders gesehen worden war, gemahnt innerdisziplinär an die Gefahr einer allzu ‚benevolenten’ Geschichtsschreibung, die mehr der subjektiven Stimme noch lebender Nachfahren folgt als jener der historischen Quellen und Kontexte – und damit unversehens ebenfalls eine Grenze überschreitet.) (Abb. 5)
Eine weitere wichtige Perspektivierung und Vertiefung der vorangegangenen Beiträge steuert Anita Ziegerhofer durch ihre (rechtshistorischen) Überlegungen zu „Grenzüberschreitungen am Beispiel des Friedensvertrages von St. Germain und des Beitrittes der Steiermark zur Europäischen Union” bei und rundet damit den ersten Themenblock ab. Beide Ereignisse bzw. Prozesse, also 1920 der Friedensvertrag von St. Germain-en-Laye und 1995 Österreichs EU-Beitritt, bewirkten epochale Veränderungen im Wechselspiel zwischen internationalen und regionalen Entwicklungen, von denen die lange Grenzgeschichte der Steiermark in besonderer Weise betroffen und herausgefordert war, zumal diese Umwälzungen mit einer massiven Verschiebung von Wirtschaftsgrenzen einhergingen. Der Friedensvertrag von St. Germain stellte aus dem Blickwinkel des damaligen Steiermärkischen Landtags eine quasi völkermoralische Grenzüberschreitung in Gestalt eines „Gewaltfriedens” dar, weil mit ihm der Verlust von Teilen der Untersteiermark einherging. Eine demgegenüber positive, vorauseilende Form des ideellen Niederreißens von Grenzen fand hingegen auf dem Weg Österreichs in die Europäische Union statt: Die Steiermark war 1991 das erste Bundesland, das ein „Europareferat” und 1992 einen „Ausschuss für Europäische Integration” installierte, und beides half maßgeblich dabei, bei der Volksabstimmung 1994 (auch) in unserem Bundesland eine beachtliche Zweidrittelmehrheit für den EU-Beitritt zu gewinnen und in weiterer Folge – insbesondere nach den EU-Beitritten Sloweniens 2004 und Kroatiens 2013 – die Steiermark vom Rand Europas endgültig in dessen florierende Mitte rücken zu lassen. (Abb. 6)
In den weiteren drei Beiträgen, die aus ganz verschiedenen Fachbereichen stammen, tritt sehr stark der Gedanke einer Überschreitung von sozialen Grenzlinien in den Vordergrund und formt dadurch gewissermaßen einen zweiten großen Themenblock. Bei Daniel Gethmann geschieht dies in seinem (architekturgeschichtlichen) Aufsatz zum Thema „Strukturelle Architektur. Zur Neuorientierung der österreichischen Architektur durch die Ausstellungen ‚Junge Architektur’ (1965) in Kapfenberg und ‚Struktureller Städtebau’ (1966) in Graz”. Der Impuls zu den in diesem Titel genannten Ausstellungen kam vom innovativen Grazer Lehrstuhlinhaber an der vormaligen Technischen Hochschule, heute TU Graz, Ferdinand Schuster. Indem er seinen Studierenden erstmals räumlich und geistig Platz bot für kreative städtebauliche Fantasien, ja Utopien, konnten radikal neue, das soziale Miteinander in den Fokus rückende Denkansätze Gestalt gewinnen. In Aufsehen erregenden Ausstellungsobjekten wurde dies beispielsweise durch das Modell einer Vertikalen Stadt von Klaus Gartler und Helmut Rieder drastisch vor Augen gestellt: Nach gedachter Flutung des Grazer Beckens fanden sich darin alle Bewohner·innen in einem einzigen Wolkenkratzer wieder, umgeben von einem Megadamm, der die gesamte technische Infrastruktur beherbergt. Einen Schritt weg von dieser eher dystopischen Frühform des Critical Design hin zu einer konstruktiven Ausgestaltung ging der junge Bernhard Hafner: Auf Basis einer konsequenten Einbeziehung sozialphilosophischer und zeichentheoretischer Ansätze legte er durch sein „City in Space”-Modell als Teil einer „Raumstadt” den auch international viel beachteten Grundstein für das Konzept einer strukturellen Architektur. – Dass in diesen ‚wilden’ Aufbruchsjahren sogar die renommierte Wiener Architekturszene erstaunt bis neidvoll nach Graz blickte und an der steirischen „Jungen Architektur” anerkennend Maß nahm, darf man als eine weitere Spielform gelungener ‚Grenzüberschreitungen’ sehen. (Abb. 7)
Der (designgeschichtliche) Beitrag von Daniel Fabry und Karl Stocker trägt den Titel „Grenzüberschreitungen by Design”. Auf ähnliche Weise wie im vorangehenden Beitrag ist es wieder eine besonders intensive und freigeistige Interaktion zwischen Lehrkörper und Studierenden, aus der sich bahnbrechende Ideen entwickeln und verwirklichen konnten. Hier ist es der Innovationsmotor der (1995 gegründeten) FH Joanneum, der es im Zusammenwirken mit den lokalen, aber international vernetzten Creative Industries gelang, Graz 1999 zur UNESCO City of Design und 2003 zur Kulturhauptstadt Europas zu machen; für die Zuerkennung von beidem, insbesondere aber des – 2003 einzigen! – Kulturhauptstadt-Status überzeugte der Gedanke eines neuen, sozial gedachten Designs, welches sich auch darin manifestierte, dass schon beim Bewerbungsprozess die Bevölkerung breit mit eingebunden wurde. Die mittlerweile bestens etablierten, von zig Kooperationen weltweit mitgetragenen FH-Studiengänge setzen diese Gedanken praxisnahe in die Tat um, etwa durch das progressive Verständnis von Design als einer wertebasierten Haltung, die Teil eines kulturellen Prozesses ist und damit weit mehr als bloß ‚Behübschung’ oder ‚Funktionalisierung’. Fast überflüssig zu sagen, dass diesem in Graz entwickelten „Sozio-Design” der Gedanke der ‚Grenzüberschreitung’ direkt in die DNA eingeschrieben ist, nicht zuletzt in Bezug auf beeindruckend viele Kooperationen mit der Wirtschaft. Gestärkt durch solche Netzwerke und den sozialethisch fundierten Zugang zum Informations‑ und Mediendesign, gelang der FH Joanneum zumindest in diesem Bereich eine bemerkenswerte institutionelle Grenzüberschreitung: Sie durchbrach das Bildungsmonopol der Wiener Universität für angewandte Kunst sowie der Akademie der bildenden Künste. (Abb. 8)
Etwas andere und doch zum Teil deckungsgleiche Grenzen markiert Arno Heimgartner in seinem (erziehungswissenschaftlichen) Beitrag „Zwischen Würdigung von Pionierinnen und Pionieren und der Aufarbeitung von Grenzverletzungen: Erinnerungen an die Geschichte der Sozialen Arbeit in der Steiermark”. Eingebettet in überregionale und historische Entwicklungen der Sozialarbeit und exemplarisch bezogen auf den urbanen Raum macht Heimgartner deutlich, wie stark das Ineinandergreifen bzw. Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Religionen, Ethnien und Gesellschaftsbereichen das Sozialleben herausfordert und zugleich zu vielerlei Grenzüberschreitungen führt. Solche Friktionen sind oftmals der Ursprung von Sozialprojekten. Bezeichnend erscheint da etwa das impulsreiche Wirken von Anton Afritsch (1873–1924): Proteste von Grazer Anwohnern wegen zu laut spielender Kinder motivierten ihn dazu, das betroffene Areal seitens der Stadt Graz in einen offiziellen Spielplatz umwidmen zu lassen, der unter dem Namen Abenteuerspielplatz Afritschgarten noch heute existiert und betreut wird. In jüngerer Zeit waren es ausgegrenzte Jugendliche, welche 1948 zur Gründung von Jugend am Werk Steiermark Anlass gaben, einer arbeitsbezogenen, später auch für die Inklusion tätigen Bildungs‑ und Sozialeinrichtung. Prekäre Wohnverhältnisse in der Grazer Triestersiedlung veranlassten 1988 das Friedensbüro Graz dazu, im Sinne einer aktiven Gemeinwesenarbeit sozial unterprivilegierte Siedlungsbewohner·innen mustergültig zu unterstützen. 2004 war es die Grazer sozialraumorientierte Kinder‑ und Jugendhilfe, die durch ihre respektvolle Rücksichtnahme auf die Möglichkeiten und Wünsche hilfsbedürftiger Menschen bei gleichzeitiger Hintanstellung bürokratischer Prozeduren zwischenmenschliche Grenzlinien neu zeichnete. Im „Ausklang” dieses Beitrags versinnbildlicht eine von seinem Autor selbst erlebte Episode sehr eindrucksvoll die tragende Rolle unserer inneren, aber nur vermeintlich unumstößlichen Denk‑ und Grenzmauern bei sozial konfliktträchtigen Ereignissen. (Abb. 9)
Künftige Perspektiven der Lehrkooperation
Dass der Herausgeber nach dieser seiner vierten Ringvorlesungs‑Koordinierung und Sammelband-Herausgabe seinem Wunsch gemäß die Stafette übergeben und damit für andere Themen sowie für neue Kreise von Vortragenden Platz machen darf, verdankt er der uneingeschränkten Einsatzbereitschaft seines HLK-Kollegen und vormaligen Mitwirkenden an der Ringvorlesung „Umbruchszeiten” Christian Neuhuber: Dessen für das Sommersemester 2026 gewählter, topaktueller und dank 15 Vortragender äußerst viel Abwechslung verheißender Titel lautet: „So ein Theater! Formen der inszenatorischen (Re‑)Präsentation im Kontext der steirischen Landesgeschichte”.[11] Möge sich damit sowie mit weiteren packenden Themen von engagierten Vortragenden für begeisterungsfähige Hörer·innen die Kooperation zwischen der Universität Graz und der HLK fruchtbar fortsetzen!
Anmerkungen
[1] Wernfried Hofmeister (Hg.), Grenzüberschreitungen. Transdisziplinäre Betrachtungen herausragender Ereignisse, Ideen und Entwicklungen im Kontext der steirischen Landesgeschichte (= Memoranda Styriaca 4, Graz 2026). Mehr Informationen zum Buch erhält man
hier. Die Präsentation des Bandes fand am 4. März 2026 im Wartingersaal des Steiermärkischen Landesarchivs statt.
[2] Die folgenden Ausführungen entsprechen weitgehend dem Vorwort des Verfassers im Sammelband.
[3] Näheres zur Buchpublikation findet sich
hier. Am 10. März 2020 erschien der
Blogbeitrag zum ersten Band.
[4] Das
Buch erschien trotz widrigster Zeitumstände noch im Jahr 2021, der dazugehörige
Blogbeitrag am 17. Jänner 2022.
[5] Siehe dazu die
publizistischen Hinweise zum Buch und den
Blogbeitrag vom 14. März 2025.
[6] Siehe dazu den HLK-Blogbeitrag von Wernfried Hofmeister, Steirische Geschichtsforschung im Hörsaal (10. 03. 2020) unter
https://www.hlk.steiermark.at/cms/beitrag/12772292/153524465/.
[7] Diese E-Texte sind unter der Adresse
https://www.hlk.steiermark.at/cms/ziel/147068266/DE/ über den Menüpunkt „VOLLTEXT” abrufbar.
[8] Die vier Vorlesungsfolder können unter der Adresse
https://www.hlk.steiermark.at/cms/beitrag/13005046/147068266/ eingesehen werden.
[9] Für diese (vom Koordinator hartnäckig eingeworbenen) online-Meldungen sei sowohl auf die Homepage der Universität Graz (konkret auf den Menüpunkt Neuigkeiten) als auch auf jene der HLK (Pressespiegel) verwiesen.
[10] Johannes Fried, Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik (= Beck'sche Reihe 6022, München 2012).
[11] Näheres findet sich im
Lehrveranstaltungsverzeichnis sowie im obligat gebliebenen
Vorlesungsfolder.
Wernfried Hofmeister (Hg.), Grenzüberschreitungen. Transdisziplinäre Betrachtungen herausragender Ereignisse, Ideen und Entwicklungen im Kontext der steirischen Landesgeschichte (= Memoranda Styriaca 4, Graz 2026), 262 Seiten. (
Inhaltsverzeichnis)
Das Buch ist im Buchhandel oder bei der HLK (Karmeliterplatz 3, 8010 Graz, 0316/877-3013, hlk@stmk.gv.at) um € 30,- erhältlich.
Ao. Univ.-Prof. i. R. Dr. Wernfried Hofmeister, Studium der Germanistik und Anglistik in Graz, Promotion 1981, nach Habilitation 1995 Ao. Univ.-Prof. für Deutsche Sprache und Ältere Deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Graz, seit 2019 Geschäftsführender Sekretär der Historischen Landeskommission für Steiermark. Forschungsschwerpunkte: Editionswissenschaft, historische Metaphern- und Phraseologieforschung, spätmittelalterliche Dichtung, regionale Literaturforschung und ihre mediale Vermittlung.




