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Was Ist Der Mensch? Die geistliche Botschaft einer Kunsthistorischen Sammlung

Benedikt Plank

HLK-Blog 09/2026 (12. 6. 2026)

Saal 1, Inkarnation
Abb. 1.: Saal 1, Inkarnation© Benediktinerstift St. Lambrecht
Ältestes erhaltenes Glasfenster des Stiftes St. Lambrecht
Abb. 2.: Ältestes erhaltenes Glasfenster des Stiftes St. Lambrecht© Benediktinerstift St. Lambrecht

Die  Neuaufstellung der Kunsthistorischen Sammlung des Stiftes St. Lambrecht ist eines der Projekte, die das 950-Jahr-Jubiläum der Abtei St. Lambrecht begleiten. Die aktuelle Neupräsentation aus diesem Anlass stellt einen momentanen Schlusspunkt in einer langen Tradition der Bewahrung und Präsentation des künstlerischen und kulturellen Erbes der Abtei dar. Der Wechsel der Zeiten brachte mit Bränden, geänderten Aufgaben oder der Vergänglichkeit aller Dinge die Notwendigkeit von Neuschöpfungen. Die damit verbundene Preisgabe von Überkommenem war in der Vergangenheit eine Selbstverständlichkeit. Immer wieder gab es aber bei aller Liebe zum Neuen auch die Respektierung des Überkommenen. So enthält der kunsthistorische Fundus der Abtei St. Lambrecht ein Konvolut verschiedenster Objekte, was Herkunft, Qualität, Zeitstellung und Verwendungszweck betrifft. Der gemeinsame Nenner ist der Umstand, ein vielgestaltiger Ausdruck des Wirkens des Stiftes St. Lambrecht zu sein.
In dieser organischen Entwicklung stellte 1786 die josephinische Aufhebung der Abtei sicherlich eine gravierende Zäsur dar. Nach Überwindung von Schwierigkeiten und Problemen des Neubeginns nach der Wiedererrichtung der Abtei im Jahre 1802 war es Abt Joachim II. Suppan (Amtszeit 1835 bis 1864), der das Augenmerk auf die „altdeutschen” Kunstwerke legte, welche die wechselnden Zeitläufte überstanden hatten. Er ließ vieles restaurieren und gab ihnen in der 1843 bis 1848 renovierten Schlosskapelle eine neue Heimstatt. Damit war gewissermaßen eine Vorläuferin der heutigen stiftischen Museumslandschaft geschaffen. 1906 fand ein beträchtlicher Teil aus Sicherheitsgründen eine neue Heimat in Räumlichkeiten des Stiftes. Schon zuvor waren für die Revitalisierung der zur Zeit der josephinischen Aufhebung profanierten Peterskirche im Stiftshof weitere gotische ‚Reliquien’ eingesetzt worden: Sie wurden zum Teil in Kombination mit neugotischen Elementen zu stimmigen Ensembles vereinigt. Die Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre bedeutete für das mittelalterliche Kunsterbe einen neuerlichen gravierenden Einschnitt: Bedeutende Stücke der Sammlung wurden vom Land Steiermark für das Joanneum zum Ausgleich von Steuerschulden übernommen. Weitere Objekte wanderten für Jahrzehnte als Leihgaben in die Landeshauptstadt. In der NS-Zeit fanden Beschlagnahmen und Enteignungen statt; sie wurden nach dem 2. Weltkrieg wieder rückgängig gemacht. P. Othmar Wonisch sorgte gleich darauf für die museale Präsentation vor allem des gotischen Kunsterbes in der Raumflucht der „Fürstenzimmer” im südlichen Teil des Osttraktes. Er schuf damit eine zeitgemäße Interpretation der Gastfreundschaftsaufgabe dieser Raumflucht. Durch die Landesausstellung „Gotik in der Steiermark” 1978 konnte eine Modernisierung der Infrastruktur dieser Räumlichkeiten bewerkstelligt werden. Unter Beibehaltung wesentlicher Elemente des Ausstellungskonzeptes von Wonisch erfolgte ab 1979 eine Neuaufstellung der kunsthistorischen Sammlung.
Es gehört somit zur Besonderheit dieser unserer kunsthistorischen Sammlung, dass sie das organisch gewachsene Erbe einer durch Jahrhunderte währenden Kontinuität des Kunst- und Kulturschaffen unserer Abtei darstellt.

Saal 2, Passion
Abb. 3: Saal 2, Passion© Benediktinerstift St. Lambrecht
Bruderschaftsaltäre
Abb. 4: Bruderschaftsaltäre© Benediktinerstift St. Lambrecht
Votivtafel von St. Lambrecht - ein Mariazeller Mirakelbild
Abb. 5: Votivtafel von St. Lambrecht - ein Mariazeller Mirakelbild© Benediktinerstift St. Lambrecht
Heiligenhimmel
Abb. 6: Heiligenhimmel© Benediktinerstift St. Lambrecht
Das neue Modell des Stiftes
Abb. 7: Das neue Modell des Stiftes© Benediktinerstift St. Lambrecht

Die Neuinszenierung der altüberlieferten Sammlungsbestände weiß sich daher diesem Erbe unseres Klosters verpflichtet und rückt die uralt-aktuelle Frage „Was ist der Mensch?” in den Mittelpunkt. Das von P. Prior Gerwig Romirer unter Mithilfe des Autors und des Kunsthistorikers Dr. David Hobelleitner entworfene Konzept verabschiedet sich deshalb bewusst von einer chronologischen Aufstellung, die bisher bestimmend war, und präsentiert den altüberlieferten Fundus in einer spirituellen Anordnung. Die im Verlauf von Jahrhunderten gewachsenen Sammlungsbestände sollen ein sprechendes Zeugnis für das Lebens- und Glaubensverständnis der nach der Benediktusregel lebenden Gemeinschaft sein. Zugleich sind sie Anfragen an die Menschen von heute bezüglich des eigenen Menschen- und Weltbildes.
Entsprechend dem Motto „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt? – Leben im Stift St. Lambrecht nach der Regel des Hl. Benedikt” präsentieren Eingangsbereich und Vorraum der Sammlungsräume im ersten Obergeschoß den hl. Benedikt als Begründer des abendländischen Mönchtums und gewähren einen Überblick über die wechselhafte Klostergeschichte. Zudem wird das klösterliche Leben im Stift St. Lambrecht mit seinen religiösen, pastoralen, kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten vorgestellt. Diese Präsentation wurde in den Jahren 2000 und 2001 unter Federführung von Mag. Anja Steiskal gestaltet und blieb als Entrée für die Neugestaltung erhalten.
Im 1. Saal wird mit Objekten vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, die von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus erzählen, den Fragen des Menschseins nachgespürt, wie sie sich auch heute stellen: Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Geschwisterlichkeit sind unserer Meinung nach ohne christliche Wurzeln nicht zu verstehen. Diese Fragen sollen aus dem Blickwinkel des Glaubens neue Motivation erfahren: „Was ist der Mensch? – Gott wird in Jesus Mensch – Leben in Würde und Freiheit.” Die hier präsentierten Bilder und Statuen thematisieren Verkündigung, Geburt Jesu und das Marienleben. Die Retabel des um 1500 geschaffenen ‚Rorate-Altares’ der Stiftskirche führt optisch dominant in das Thema ein. Die ‚Pierer-Madonnen’, eine Maria mit Kind aus dem Umkreis von Jakob Kaschauer, bis zu Darstellungen der Hl. Sippe reflektieren das Geheimnis der Inkarnation des Logos. Die Außenseiten der Altarflügel des ‚Meisters des Lambrechter Fastentuches’ leiten mit den Passionsszenen zum nächsten Raum über.
In diesem 2. Saal werden zu „Jesu Sterben und Auferstehen” mit Exponaten, die von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu handeln, Fragen thematisiert, die sich aus der Erfahrung der menschlichen Begrenztheit und Zerbrechlichkeit ergeben. Für die alte Frage nach Leiden, Tod und Ewigkeit soll sich auch schon der Horizont für Hoffnung eröffnen. Erstmals wird in diesem Raum jene monumentale Kreuzigungsgruppe gemeinsam gezeigt, welche einst den gotischen Johannesaltar der Stiftskirche zierte. Hier werden auch erhaltene mittelalterliche Glasfenster des Stiftes präsentiert.
Im 3. Saal wird – nach den beiden grundlegenden Glaubenswahrheiten von Inkarnation und Passion Gottes in Jesus Christus – die Übersetzung des Glaubens in das Leben der Menschen angesprochen. Wenn der Glaube als prägende Kraft erfahren wird, will er sich Ausdruck verschaffen. So bestimmen christliche Rituale den Alltag des Menschen. Die Botschaft Gottes bewirkt Leben aus dem Glauben. Exemplarisch werden die unterschiedlichen Ausdrucksweisen von Frömmigkeit in den vergangenen Jahrhunderten vorgestellt: Eucharistische Frömmigkeit, die im monumentalen Tabernakel sichtbar wird; die Reliquienverehrung, die die Nähe zum Heiligen anschaubar und begreifbar machen will; weiters ein intensives Gebetsleben in frommen Bruderschaften und deren Prozessionen. Eine Vielfalt an Ritualen ist rund um Sterben und Tod des Menschen und um seine Sehnsucht nach Erlösung entstanden.
„St. Lambrechter Schatzkammer des Glaubens”: Unter diesem Motto wird im 4. Raum – in der Abfolge der ehemaligen „Fürstenzimmer” eigentlich ein Kabinett – eine Schatzkammer des Glaubens präsentiert. Hier sind mit der „Strahlenkranzmadonna” und der „Votivtafel von St. Lambrecht” die Zimelien unserer Kunstsammlungen zu sehen. Sie kehren nach jahrzehntelangem ‚Exil’ aus Graz wieder in ihr Heimatkloster zurück. Unsere älteste Lamberti‑Statue vom Lettner der Stiftskirche und der Petrus vom Nordportal der Peterkirche ergänzen das Ensemble. Eine fragmentarische Madonnenstatue im Typus der Mariazeller Gnadenstaue führt in die früheren Zeiten zurück. Ein Thesenblatt mit der Glorie des hl. Benedikt huldigt dem Ordensvater und verweist mit dem zentralen Motiv auf die kunstvolle Ausgestaltung des Schalldeckels der Kanzel in der Stiftkirche, eines der Hauptwerke des Hochbarocks in St. Lambrecht.
„Heilige als Vorbilder des Glaubens und der eigene Weg zur Heiligkeit” ist Thema in Raum 5, ebenfalls ein Kabinett. Bilder und Plastiken präsentieren den Vorbildcharakter der Heiligen in Darstellungen von Spätgotik, Barock und Rokoko. An den Heiligen wird auch sichtbar, wie es gelingen kann, am Ende des Lebens ‚in den Himmel zu kommen’. Eine hofrichterliche Votivtafel und ein Deckenbild oder Betthimmel mit den „vier letzten Dingen” dokumentieren dieses Thema.
Das „Grüne Zimmer” oder „Kaiserzimmer” führt erneut in die konkrete Stiftsgeschichte und das Jubiläumsmotto GEIST VOLL LEBEN ein. Portraits von Äbten, Patres und dem Stiftsbaumeister Domenico Sciassia erinnern daran, dass der Gestaltungswille und das Engagement einer langen Kette von Persönlichkeiten Fundament der Haus- und Klostergeschichte sind. Mit einem neuen Modell des Stiftes wird die beeindruckende Klosteranlage dokumentiert und erlebbar gemacht.
„Gottesdienst als Dienst an Gott und den Menschen”: In der kleinen liturgischen Schatzkammer, die diesem Thema gewidmet ist, befinden sich – zum Teil in historischen Kästen aufbewahrt – vornehmlich barocke Objekte für die Feier der Gottesdienste und eine kleine Sammlung von liturgischen Zimelien vom 15. bis zum 19. Jahrhundert. In diesem Raum, der in der ursprünglichen Raumfolge der Gästezimmer bis zur josephinischen Aufhebung die „Kunst- und Wunderkammer” beherbergte, werden auch einige Erinnerungsstücke an den jüngst verstorbenen Linzer Bischof und ehemaligen St. Lambrechter Abt Maximilan Aichern gezeigt.
Der anschließende „Prälatensaal” präsentiert sich nach wie vor in seiner den Dreißigerjahren des 18. Jahrhunderts verdankten Pracht. Der Stuckdekor von Johann Kajetan Androy wird durch Bilder eines unbekannten Barockmalers komplettiert. Die Stirnwand dekorieren Bilder der Stifterfamilie: Markgraf Markward und Luitbirg, Herzog Heinrich III. und Luitgard. Herzog Adalbero und Beatrix als Eltern des Stifters und Großeltern des Gründers wurden durch Portraits ersetzt, die Johann Baptist Lampi zugeschrieben werden; sie sind als Hommage an Franz II. und Maria Theresia als Wiedererrichter der Abtei nach der josephinischen Klosteraufhebung gedacht. Die Serie der Äbtebilder ist größtenteils nur dekorativ; Portraitcharakter besitzen sie erst ab Eugen Graf Inzaghi, der den alten Studierraum zu einem Festsaal umgestalten ließ.
In einem weiteren Raum, zum südlichen Quertrakt gehörig, wird ein kleiner Überblick in die volkskundliche Sammlung von  P. Romuald Pramberger gewährt. Weiters werden einige Szenen aus der monumentalen Stiftskrippe aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die aus Anlass des Jubiläums im vergangenen Jahr restauriert werden konnte, das Jahr über den Besuchern präsentiert.
Im Zuge der Neugestaltung der kunsthistorischen Sammlung wurde auch ein „Museumshof" samt einem neuen „Entree" geschaffen. Mit zeitgemäßen Akzenten wurde dazu ein bis dato stiefmütterlich behandelter Wirtschaftshof aufgewertet und mit einer neuen Funktion versehen. Der 1853/54 nach Plänen des Hofmeisters P. Cölestin Kodermann im Neorenaissance Stil errichtete Fischkalter (ein Aufbewahrungsraum für Lebendfische) wurde restauriert und bietet sich als Ort verschiedener Interventionen an. Neben all dem Gelungenen und Erreichten gibt es natürlich auch Desiderata. So steht das Projekt der barrierefreien Erschließung aller Ebenen des Museums samt zeitgemäßen Fluchtstiegen für die Zukunft auf der Wunschliste. Mit diesem Projekt wird es dann auch möglich werden, das im Obergeschoss des Risalits befindliche Naturalienkabinett mit seinen naturhistorischen Sammlungen als „Museum im Museum" zu präsentieren.

Literatur

  • Othmar Wonisch, Archivalische Beiträge zu den St. Lambrechter Tafelbilder- und Plastikbeständen (= Arbeitenreihe zur Kunstgeschichte Steiermarks 1, Graz 1938).
  • Othmar Wonisch, Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes St. Lambrecht (= Österreichische Kunsttopographie 31, Wien 1951).
  • Othmar Wonisch, Neuer Führer durch das Benediktinerstift St. Lambrecht (St. Lambrecht 1954).
  • Kulturreferat der Stmk. Landesregierung (Hg.), Gotik in der Steiermark (Graz 1978).
  • Benedikt Plank/Gerwig Romirer, Benediktinerabtei St. Lambrecht (Ried i. Innkreis, 2002).
  • Benedikt Plank, Benediktinerabtei St. Lambrecht (Passau 2010).

em. Abt, KR, Mag. Benedikt Plank, OSB, Studium der Theologie an der Universität Salzburg und in Rom, Lehrgang für Archivwissenschaften am Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Von 2013 bis 2025 Abt des Benediktinerstiftes St. Lambrecht. Korrespondent der HLK seit 1981.

 

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