SISTE VIATOR – Lateinische Inschriften der Steiermark jetzt online: das LIDAL-Webportal
Clemens Wurzinger
„Bleib stehen, Wanderer!” – so befiehlt es die Formel „SISTE VIATOR”, die auf unzähligen Steindenkmälern von der Antike bis in die Neuzeit zu lesen ist. Viele dieser Inschriften stehen in der Steiermark: an Kirchenwänden, auf Friedhöfen, in Museen und an öffentlichen Gebäuden, oft kaum beachtet, selten zugänglich erschlossen und noch seltener übersetzt. Das Projekt
LIDAL – Lateinische Inschriften für digitales und außerschulisches Lernen hat sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Schriftdenkmäler zumindest teilweise ans Licht zu holen. Mit der Veröffentlichung des Webportals in seiner finalen Form liegt das Ergebnis nun allen Interessierten offen vor.
Steirische Inschriften als Forschungsgegenstand


Die Steiermark besitzt einen außerordentlichen Reichtum an lateinischen Inschriften, nicht nur aus der Antike, sondern aus dem Mittelalter und vor allem der frühen Neuzeit. Das LIDAL-Projekt hat diesen Bestand in den Blick genommen: Inschriften wurden gemeinsam mit Schüler:innen österreichischer Gymnasien (zumeist aus dem Raum Graz: Akademisches Gymnasium Graz, BG Rein, BG/BRG Bad Ischl, BRG Kepler, BG Knittelfeld, BRG Petersgasse) sowie deutscher Gymnasien (Potsdam und Falkensee: Evangelisches Gymnasium Hermannswerder, Lise-Meitner-Gymnasium Falkensee) vor Ort dokumentiert, in den jeweiligen Schulen teilweise erstmals ins Deutsche übersetzt und mit historischen sowie sprachlichen Erläuterungen und didaktischen Fragestellungen versehen. Für viele dieser Texte liegen damit erstmals zugängliche Übersetzungen und Kommentare vor – ein Beitrag zur steirischen Landeskunde von und für Steier:innen, der über den schulischen Kontext weit hinausreicht.
Besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem städtischen und kirchlichen Raum: Grabdenkmäler, Votivtafeln, Stiftungsinschriften und Bauinschriften aus Graz und dem steirischen Umland wurden aufgenommen und erschlossen. Das Webportal ermöglicht es, diese Inschriften nicht nur zu lesen, sondern sie auch räumlich zu verorten und in virtuelle wie reale „Inschriftentouren” einzubinden: ein Rundgang durch die Inschriftenlandschaft der Steiermark, der vom heimischen Schreibtisch aus ebenso möglich ist wie vor Ort.
Citizen Science und Schulkooperation
Gefördert vom
OeAD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung) und ideell unterstützt von zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen (u. a. der HLK) entstand das Projekt LIDAL durch einen ungewöhnlichen Zusammenschluss: Schülerinnen und Schüler aus Österreich und Deutschland erarbeiteten gemeinsam mit dem Wissenschaftsteam der Universität Graz – insbesondere den Studienassistent·innen – unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Ursula Gärtner und Dr. Sally Baumann die Materialien für das Portal. Sie übersetzten Inschriften, formulierten Fragen und Erläuterungen und präsentierten ihre Ergebnisse auf zwei Schüler·innenkongressen, die von deutschen und österreichischen Schüler·innen besucht wurden. Darüber hinaus war die Öffentlichkeit eingeladen, bislang unbekannte Inschriften zu melden – ein Citizen-Science-Ansatz unter der Leitung von Dr. Lukas Spielhofer und später Priv.-Doz. Dr. phil. Hedwig Schmalzgruber, der auch in der Steiermark auf reges Interesse gestoßen ist und das Portal kontinuierlich um neue Funde bereichert hat.
Das Portal als dauerhaftes Werkzeug


Das nun in seiner vorerst finalen Form veröffentlichte Webportal steht Lehrer:innen, Schüler:innen sowie allen Interessierten frei zur Verfügung. Die aufbereiteten Inschriften sind fächerübergreifend nutzbar: für den Lateinunterricht ebenso wie für Geschichte oder Religionskunde. Abb. 1:
Denkmal Kaiser Franz I. von Österreich, Freiheitsplatz Graz
Neben dem weltlichen Bereich konnten auch viele Inschriften aus dem religiösen Bereich erschlossen werden. Abb. 2:
Stadtpfarrkirche Leoben
Auch Inschriften aus der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, die uns einige Informationen über die Haltung Österreichs nach dem Krieg überliefern, konnten gefunden werden. Abb. 3:
Bischöfliches Palais Graz
In manchen kleineren Gemeinden fanden sich wahre Prachtstücke von Inschriften. Vereinzelt wurden Inschriften aus einem vorhergehenden Schulprojekt (Leitung: Wolfgang J. Pietsch, „Latein auf Stein”) eingespeist, die Übersetzungen bearbeitet und mit teilweise didaktischen Aufgaben versehen. Abb. 4:
Grabinschrift Pfarrkirche Hainersdorf
Ein Blick auf das Webportal und die didaktischen Aufgaben, die bei ‚didaktisierten Inschriften‘ hinzugefügt wurden. Abb. 5:
Pfarrkirche St. Magdalena in Judenburg
Auch Inschriften aus der römischen Antike können in der Steiermark gefunden werden. Manche dieser Inschriften kamen durch ‚kunstsammelnde‘ Kaiser nach Graz, wie die „Belatullus-Inschrift” der Grazer Burg durch Maximilian I. Abb. 6:
Belatullus-Inschrift bei Grazer Burg, Graz
Bilanz und Ausblick
Mit der Veröffentlichung des Portals zieht das LIDAL-Team eine erfreuliche Bilanz: Über 389 Inschriften wurden bislang eingespeist, für rund die Hälfte davon liegen bereits ausgearbeitete didaktische Aufgabenstellungen vor – und der überwiegende Teil dieser Inschriften stammt aus der Steiermark selbst. Damit ist ein solides Fundament für die weitere Erschließung der steirischen Inschriftenlandschaft gelegt, doch die Arbeit ist damit noch nicht abgeschlossen: Einsendungen von Inschriften werden auch weiterhin gerne entgegengenommen und bearbeitet (clemens.wurzinger@uni-graz.at bzw. lidal@uni-graz.at). Es bleibt unser Ziel, das Portal kontinuierlich weiter zu befüllen, bis eines Tages möglichst alle lateinischen Inschriften der Steiermark digital erschlossen und zugänglich sind – ein Vorhaben, das nur gemeinsam mit interessierten Bürger:innen, Schulen und Institutionen gelingen kann.
Mag. Dr. phil. Clemens Wurzinger, Lehramtsstudium Latein, Griechisch und Geschichte sowie Doktoratsstudium der Klassischen Philologie an der Universität Graz. Wissenschaftliche Projektmitarbeiter bei dem Projekt „LIDAL – SISTE VIATOR. Latein auf Stein 2.0. Lateinische Inschriften für digitales und außerschulisches Lernen” und Universitätsassistent am Institut für Antike (Universität Graz).




