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„DEIN GRAZ“ – Bericht über eine stadthistorische Ausstellung

Karl Albrecht Kubinzky

Sammler und Schenker Karl Albrecht Kubinzky mit Kuratorin Astrid Aschacher © Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Sammler und Schenker Karl Albrecht Kubinzky mit Kuratorin Astrid Aschacher
© Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Der Grieskai um 1870 als Beispiel einer Teilfälschung (siehe: Segel- und Dampfschiff) © Otto Wintersteiner
Der Grieskai um 1870 als Beispiel einer Teilfälschung (siehe: Segel- und Dampfschiff)
© Otto Wintersteiner

Vorweg: Die Ausstellung ist weder von mir, noch handelt sie über mich. Das erleichtert es mir als dem Autor dieses Beitrags, trotz der Verwendung der „Sammlung Kubinzky" für diese Ausstellung in gebührlicher Objektivität über „Dein Graz" zu berichten. Konzipiert und erstellt wurde die Ausstellung vom Universalmuseum Joanneum, ihr inhaltlicher Bezug ist Graz. Die wissenschaftliche Leitung der Ausstellung führte Gerhard Dienes[1], der leider 14 Tage vor der Eröffnung überraschend verstarb. Als Ko-Kuratorin wirkte Astrid Aschacher, die auch für die Fertigstellung verantwortlich war. Dienes und Aschacher waren/sind Mitarbeiter der unter Leitung von Bettina Habsburg-Lothringen stehenden Joanneum-Abteilung für Geschichte. Inhalt der Ausstellung im Museum für Geschichte, Sackstraße 16 (Palais Herberstein), ist die Darstellung der letzten 150 Jahre der Grazer Geschichte mit einem Schwerpunkt auf die 17 Stadtbezirke. Ich stellte aus meiner einschlägigen vieljährigen Sammeltätigkeit ungefähr 95 % der Objekte und mein einschlägiges Wissen zu Verfügung. So wird auch von der Ausstellung als der „Sammlung Kubinzky" geschrieben und gesprochen. Nicht unerwähnt soll werden, dass mein heuriger 80. Geburtstag sowie die als Nachlass für das Joanneum konzipierte Sammlung Kubinzky ein Motiv für diese Ausstellung waren. In diesem Zusammenhang kann ich auch berichten, dass ich ein Mitglied des Kuratoriums des Universalmuseums Joanneum bin und 2001 zum Bürger der Stadt Graz ernannt wurde. 1999 erfolgte meine Bestellung zum Korrespondenten der Historischen Landeskommission für Steiermark mit dem Sachbereich Graz. Diesem mehrfachen Auftrag fühle ich mich verpflichtet.

Nach der erfolgreichen und gut besuchten Ausstellungseröffnung musste wenige Tage später die Graz-Geschichte-Schau auf Grund des aktuellen Virusauftritts vorübergehend geschlossen werden. Die Sperre wird am 1. Juli aufgehoben. Gegenwärtig wird an der Erstellung eines Katalogs gearbeitet und kleine Korrekturen sowie inhaltliche Erweiterungen werden vorgenommen.

Wie stellt man Graz-Geschichte aus?

Liebenauer Stadion, Ballonaufnahme 1985 © Karl. A. Kubinzky
Liebenauer Stadion, Ballonaufnahme 1985
© Karl. A. Kubinzky
Das ehem. Taindepot am Felix-Dahn-Platz um 1960 (jetzt hier die Biochemie der TU) © Karl A. Kubinzky
Das ehem. Taindepot am Felix-Dahn-Platz um 1960 (jetzt hier die Biochemie der TU)
© Karl A. Kubinzky

Die Ausstellung „Dein Graz" zeigt auf 500 m² anfangs eine Auswahl an historischen Stadtplänen und viele Luftbilder, die in den 1980er-Jahren vom Heißluftballon aus aufgenommen wurden. Der Hauptteil der Ausstellung bringt Informationen, sortiert nach den 17 Stadtbezirken, auf 850 kleinen Tafeln mit kommentierten Bildern. Aus dem Sammlungsfundus werden auch über 60 größere und kleinere Bilder im Original gezeigt. Wir sehen ein Ölbild mit der Innenansicht des Doms während einer hl. Messe aus dem Jahr 1850. Oder zwei Bilder, die das Theater am Stadtpark, manchmal auch Thaliatheater genannt, mit seiner aus der Zirkuszeit stammenden Einrichtung zeigen.

Insgesamt ist „Dein Graz" die umfangreichste Gesamt-Graz-Ausstellung seit Jahrzehnten. Wenn schon ich und damit auch meine Sammlung an Bildern und Objekten auf Graz fokussiert sind, so gibt es in noch größerer Spezialisierung Experten für Teilbereiche, deren Wissen das meine bei Weitem übertrifft. Ihr Spezialwissen in die allgemeine Forschung zur Geschichte von Graz einzubauen, erscheint wichtig. Für die Ausstellung standen weit über 100.000 Ansichten und Gegenstände zur Auswahl. Jetzt noch von geringer Attraktion sind Ansichten der Gegenwart, die ich ebenso gesammelt oder selbst dokumentiert habe. In der Zukunft wird dies vermutlich anders gesehen. Unter „Gegenständen" verstehe ich beispielsweise Helme, Autokennzeichen, Hotelschlüssel und Keramik mit Graz-Bezug. Gerade solche Objekte sind für Ausstellungen neben den zweidimensionalen Schaustücken gesucht. So wird hier ein größeres Baumodell des Grazer Rathauses gezeigt.

Ausstellungsansicht "Dein Graz", ,Ein Kasten Buntes‘ © Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Ausstellungsansicht "Dein Graz", ,Ein Kasten Buntes‘
© Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Die Lebensbühne Alltag gehört im Sinne des gegenwärtigen Ausstellungstrends ebenfalls dargestellt. Es ist ein Erfolg, wenn zwischen den Ausstellungsobjekten und dem Besucher eine persönliche Beziehung aufgebaut werden kann. Dem dienen z. B. ehemalige Autokennzeichen und alte Tramway-Fahrscheine. Die über die Stadtgrenze führenden Linien der „Elektrischen" haben viel zur Verbindung von Graz zu den Stadtrandgemeinden beigetragen. Die Stadterweiterung vom Herbst 1938 schuf Groß-Graz und erfüllte damit einen Wunsch Grazer Politiker, der erstmals 1890 öffentlich genannt worden war. Zehn Gemeinden kamen damals zur Gänze nach Graz, sieben nur zu einem Teil. Wie bewegt die in der Ausstellung gezeigte Geschichte ist, beweist, dass zwischen 1918 und 1955 sechs verschiedene Armeen als Repräsentanten der jeweiligen Regierungsmacht über den Opernring, der mehrfach seinen Namen wechselte, marschiert sind. Insgesamt wäre die Ausstellung ohne den gebotenen geschichtskritischen Ansatz, den Gerhard Dienes einbrachte, nicht darstellbar gewesen. Eine Abbildung von ehemaligen Hausfassaden und alten Gasthausfotos ist zu wenig. Soweit dies dokumentierbar ist, müssen die soziale, ökonomische und damit auch die städtebauliche Entwicklung sichtbar gemacht werden. Die 1700 Straßennamen samt ihrem Wechsel sind eine gute Bühne hierfür.

Sammlung vererbt

Der Professor in seinem Kabinett der Verunordnung © Langhans Fürstenfeld
Der Professor in seinem Kabinett der Verunordnung
© Langhans Fürstenfeld

Auf Grund meiner Kontakte zum Joanneum bzw. seinen Mitarbeitern habe ich in einem Notariatsakt den Großteil meiner Graz-Dokumente und der Steiermark-Sammlung (rund 12.000 Bilder) dem Universalmuseum vermacht. Schon in der Gegenwart kann das Joanneum meinen Fundus nutzen und hat begonnen, meine Abbildungen einzuscannen. Damit rette ich hoffentlich meine Bestände für die Zukunft, zugleich aber habe ich mich vom rein persönlich-privaten Charakter meiner Schätze verabschieden müssen. Auch widerspricht die neue elektronische Ordnung der Routine meines Suchens und Findens im nun schon mehrfach medial veröffentlichten Chaos meiner Archivbestände. Fast überflüssig zu sagen: Die Ausstellung „Dein Graz" erscheint mir in vieler Hinsicht besuchenswert, auch, weil sie für alle Gäste zu einem Teil ihrer ganz persönlichen Grazer Stadtgeschichte werden kann.

Quellenverzeichnis

[1] Gerhard Michael Dienes (geb. 1953 in Knittelfeld; gest. 2020 in Graz) studierte an der Universität Graz Geschichte und Geographie. Er promovierte 1979 mit der Arbeit „Die Bürger von Graz – Örtliche und soziale Herkunft von den Anfängen bis 1500". Dienes leitete das Stadtmuseum Graz von 1990 bis 2005. In der Folge arbeitete er am Universalmuseum Joanneum und war besonders für dessen Ausstellungen im Ausland zuständig. Charakteristisch für ihn waren die vielen einschlägigen wörtlichen Zitate zum Thema und die fast schon theatralischen Inszenierungen seiner Veranstaltungen. Hauptpunkte seiner Arbeit waren neben der Grazer Stadtgeschichte und dem nordöstlichen Adriaraum der Orientalist Anton Prokesch-Osten, der Kriminalist Hans Gross und die Verbindung von Kunst und Geschichte. 2020 war er Kurator der Ausstellung „Dein Graz – Die Sammlung Kubinzky" und einer Ausstellung zu Joseph Hammer-Purgstall in Feldbach. Geplant war eine Ausstellung für die in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt feiernde Stadt Rijeka und eine „Fellner und Helmer-Ausstellung" in Temeschwar/Timisoara. Von seinen Publikationen sollen hier besonders die Grazer Bezirkshefte erwähnt sein.

Karl Albrecht Kubinzky, geb. 1940 in Wiener Neustadt, ist ein österreichischer Geograph und Historiker. Als Grazer Stadthistoriker, Autor und Publizist ist er Verfasser von Publikationen über Graz und die Steiermark.
Kubinzky studierte an der Universität Graz Geographie und Geschichte. Nach Lehramtsprüfung und der Sponsion zum Magister (Mag. rer. nat.) sowie der Promotion zum Dr. phil. arbeitete er als Universitätsassistent am Institut für Soziologie an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät und dann an der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz.
Von 1978 bis 2000 war Kubinzky als Bundeslehrer im Hochschuldienst mit dem Titel eines Professors am Institut für Soziologie der Universität Graz tätig. Er lehrte auch an der Technischen Universität Graz und an der Universität Salzburg. Kubinzky unterrichtete überdies viele Jahre Wirtschaftsgeographie am Dolmetschinstitut und Mediensoziologie am Medienkundlichen Lehrgang der Universität Graz.