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Steirische Sagen in religionswissenschaftlicher Perspektive

Theresia Heimerl, Peter Wiesflecker

Die titelgebende, Mitte Jänner 2021 erschienene Publikation[1] nimmt zentrale Themen steirischer Sagen aus religionswissenschaftlicher Perspektive in den Blick. Sie versteht sich auch als Anstoß zu einer adäquaten Auseinandersetzung der gegenwärtigen Forschung mit diesen Texten und möchte eine interdisziplinäre Betrachtung zu diesem Themenfeld anregen und verstärken, insbesondere den wissenschaftlichen Diskurs aus religionswissenschaftlicher, religionsgeschichtlicher, theologischer und historischer Perspektive.

Von der universitären Lehrveranstaltung zur Publikation

Buchcover 
Buchcover
Karl Haiding © HLK
Karl Haiding
© HLK

Hervorgegangen ist die Publikation aus einem Projekt im Rahmen des Seminars im Fach der Dissertation und Masterarbeit am Institut für Religionswissenschaften an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz im Sommersemester 2019. Im Seminar sollten sich die Studierenden mit ausgewählten Aspekten steirischer Sagen aus religionswissenschaftlicher Perspektive auseinandersetzen und diese nach einem vorgegebenen Raster untersuchen. Nicht zuletzt um die TeilnehmerInnen der Lehrveranstaltung für den Diskurs in der scientific community zu profilieren, hatten die Studierenden auf einer von den Herausgebern organisierten „Tagung", die im Rahmen des Seminars im Juni 2019 stattfand, das von ihnen gewählte Sagengenre zu präsentieren, in religionsgeschichtliche Zusammenhänge einzubetten und einzelne Sagen dieses Typus exemplarisch auch historisch und geographisch zu kontextualisieren. Sieben der TeilnehmerInnen der Lehrveranstaltung haben ihre dort gehaltenen Vorträge für diesen Sammelband erweitert. Mit den von ihnen bearbeiteten Themenfeldern und den beiden Beiträgen der Herausgeber sind alle relevanten Sagengenres, die sich in steirischen Sagensammlungen finden, abgedeckt. Die Drucklegung ermöglichten Förderungen der Universität Graz und der Wissenschaftsabteilung des Landes Steiermark.
Als Textbasis für die Untersuchung dienen zwei prominente steirische Sagensammlungen. Es sind dies die von Johann Krainz (1847–1907)[2] – der unter dem Pseudonym „Hans von der Sann" veröffentlichte – und von Karl Haiding (1906–1985)[3] herausgegebenen Publikationen. Im Rahmen der Lehrveranstaltung erfolgte für die Studierenden auch eine biographische und wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der beiden Sagensammler, die hier – mit Blick und Verweis auf die zu ihnen erschienene Literatur – entfallen kann.[4]

Die lange Tradition steirischer Sagensammlungen

Leopoldsteinersee © StLA, Ansichtskartensammlung
Leopoldsteinersee
© StLA, Ansichtskartensammlung
Johann Krainz (‚Hans von der Sann‘) (stehend, 1. v. rechts) gemeinsam mit dem Schriftsteller Ferdinand Krauss, dem Komponisten Josef Gauby, dem Bildhauer Hans Brandstätter, dem Schriftsteller Karl Morré und Peter Rosegger  © StLA, Gruppenporträts
Johann Krainz (‚Hans von der Sann‘) (stehend, 1. v. rechts) gemeinsam mit dem Schriftsteller Ferdinand Krauss, dem Komponisten Josef Gauby, dem Bildhauer Hans Brandstätter, dem Schriftsteller Karl Morré und Peter Rosegger
© StLA, Gruppenporträts

Auf die lange Tradition steirischer Sagensammler hat Günther Jontes in seiner umfassenden, vor zwei Jahrzehnten erschienen Zusammenschau verwiesen.[5] Erste Ansätze zu solchen Sammlungen finden sich bereits in der Barockzeit. Jontes verweist dabei auf Stoffe wie „den Wassermann vom Leopoldsteinersee samt der Entdeckung des Steirischen Erzberges",[6] aber auch auf „manches Anekdotisches ... in den topographischen Beschreibungen des Matthäus Merian", der dabei auf Martin Zeiller zurückgreifen konnte.[7]
Die Sagen- und Märchensammlung in der Steiermark war eine – wie Jontes schreibt – „Frucht der literarisch-romantischen Bestrebungen", die auch hier durch die Sammlungen der Brüder Grimm angestoßen wurde. Daher standen am Beginn dieser ‚Sammler-Genealogie‘ auch in der Steiermark Publizisten und Literaten, die „vordergründig Sagenstoffe für ihre Dichtungen heranzogen".[8] Für unser Land mag der Hinweis auf den aus Graz gebürtigen Herrschafts- und Staatsbeamten Ignaz Kollmann (1775–1837) genügen.[9] Bekanntester Repräsentant der nächsten Generation war der aus Wien stammende Literat, Altphilologe und Beamte Johann Gabriel Seidl (1804–1875),[10] der sich vor allem während seiner Zeit als Gymnasiallehrer im damals steirischen Cilli/Celje neben seinen archäologischen Forschungen mit der „mündlichen Volksüberlieferung in der Steiermark"[11]  beschäftigte. Sein 1881 in Graz posthum erschienenes und von Anton Schlossar herausgegebenes Werk Johann Gabriel Seidl, seine Sagen und Geschichten aus der Steiermark wird man als erstes steirisches ‚Sagenbuch‘ ansprechen können.
Der Aufruf Erzherzog Johanns im Jahr 1811, die „geschichtlichen Denkmäler" des Landes zu sammeln, umfasste nicht nur dinglich-museale oder historisch-schriftliche Quellen, sondern war auch Anlass zu einer Reihe von Landesbeschreibungen im weitesten Sinn, die Alltag und Wirtschaft, Volkskunde und Brauchtum, Liedgut und Musikalien, aber auch Sagen und Märchen im Land und seinen Regionen in den Blick nahmen.
Diese frühe ‚Landesgeschichtsschreibung‘ war von unterschiedlichen Intentionen begleitet. Neben der Sicherung schriftlicher Quellen, die einer ersten Organisation des Archivwesens und in den folgenden Jahrzehnten auch ersten wissenschaftlichen Forschungs- und Editionsprojekten den Weg bereiten sollte, hatten Sammlungstätigkeit und Geschichtsschreibung (letztere im weitesten Sinn) eine sowohl patriotische als auch journalistische, unterhaltende und belehrende Ausrichtung, wie etwa an der publizistischen Tätigkeit Kollmanns oder Seidls abzulesen ist. Die Sammlung von Sagen war zumeist nur eines von mehreren Forschungsfeldern früher steirischer Forscher, mitunter sogar das ‚Nebenprodukt‘ ihrer volkskundlichen und historischen Sammlungstätigkeit.

Sagensammlungen im Steiermärkischen Landesarchiv

Blatt aus der Sagensammlung von Anton Meixner. Meixner vermerkte die Referenzperson, Ort und Datum der Aufzeichnung © StLA, Nachlass Meixner
Blatt aus der Sagensammlung von Anton Meixner. Meixner vermerkte die Referenzperson, Ort und Datum der Aufzeichnung
© StLA, Nachlass Meixner

Exemplarisch-kursorisch sei dies anhand der Sagensammlungen im Steiermärkischen Landesarchivs gezeigt. Am Ende des 19. Jahrhunderts umfasste die Handschriftensammlung des Landesarchivs rund 1450 Signaturen.[12] Von den 1456 erfassten Handschriften weist der 1898 publizierte Katalog nur 24 Handschriften explizit als Sagensammlungen aus. Einzelne dieser Sagenhandschriften waren allerdings mehrteilig, zum Teil jedoch nicht gebunden, sondern in loser Lage in Faszikeln zusammengefasst. Gerade dies macht ihren Charakter als Materialsammlung besonders deutlich. Andere Handschriften umfassten hingegen nur einige wenige oder auch nur eine einzelne Sage. Nahezu alle Sagensammlungen, die sich heute in der Handschriftensammlung oder in Nachlässen des Steiermärkischen Landesarchivs befinden, stammen aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Sie berühren unterschiedlichste Themenfelder dieses Genres. Die umfangreiche Sagensammlung des Priesters Anton Meixner (1839–1923) etwa umfasst u. a. Sagen zu Zauberei, Irrlichtern, Gespenstern, Zwergen, Teufeln, Hexen, Armen Seelen, Juden, Räubern, Tieren oder Örtlichkeiten. Meixner ist – wie im Übrigen auch der Herrschaftsbeamte Johann Vinzenz Sonntag (1811–1847), dessen Nachlass ebenfalls im Landesarchiv verwahrt wird – ein gutes Beispiel für die Sammlungstätigkeit dieser frühen Sagenforscher. Sie kennzeichnete ein gleichermaßen reges Interesse wie rege Tätigkeit in unterschiedlichsten Disziplinen, wobei sich der Bogen von der Archäologie über Landesgeschichte, Landes- und Volkskunde hin zu Namensgut, Aberglauben, Religion und religiösen Vollzug, Orts- und Regionalgeschichte spannte.

Kulturanthropologische Konstanten und kulturhistorische Kontextualisierung

Historische Ansicht der Riegersburg auf einem Vischer-Stich des Jahres 1680 © StLA, Ortsbildersammlung
Historische Ansicht der Riegersburg auf einem Vischer-Stich des Jahres 1680
© StLA, Ortsbildersammlung
Ansicht von Frauenberg bei Leibnitz © StLA, Ansichtskartensammlung
Ansicht von Frauenberg bei Leibnitz
© StLA, Ansichtskartensammlung

Die (wissenschaftliche) Auseinandersetzung mit Sagen blieb bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Volkskunde sehr populär, wenngleich vor allem bzw. nahezu ausschließlich auf diese Disziplin beschränkt. Doch selbst dort findet diese seit längerem nur mehr für ausgewählte Themenbereiche – es sei hier an die Landesausstellung 1987 Hexen und Zauberer erinnert – oder gar nicht statt. Eine religionshistorische und -wissenschaftliche Analyse anhand des aktuellen Forschungsstandes fehlt hingegen bis heute zur Gänze. Eben diese religionswissenschaftliche Auseinandersetzung will der vorliegende Band für ausgewählte Themenbereiche bieten und so hoffentlich einen breiteren Diskurs anstoßen.
Den Beginn machen die beiden Beiträge der Herausgeber, die sich zwei grundlegenden Dimensionen jener Lebens- und Erfahrungswelt widmen, in der die Protagonisten jedweden Geschlechts und jeder Spezies (deren es in den Sagen mehrere gibt) agieren. Selbst dort, wo es um ‚historische‘ Ereignisse, wie kriegerische Begegnungen mit den Osmanen oder reale Adelsgeschlechter geht, ist die Wirklichkeit der steirischen Sagen noch ‚verzaubert‘, nicht nur im metaphorischen Sinn Max Webers, sondern buchstäblich. Dieser Grundannahme ist der Beitrag von Theresia Heimerl gewidmet. Zauberei in ihrer Dimension als kulturanthropologische Konstante sowie deren historisch und geographisch differenzierte Ausformungen werden einleitend knapp beschrieben, ebenso geht der Beitrag auf die besondere Interpretation von Zauberei in einem christlich geprägten Kontext ein. Gerade dieses Neben- und Ineinander von volksreligiösen Vorstellungen und christlicher Tradition ist zentrales Thema des Beitrags zur Zauberei.[13] Diese begegnet in den ausgewählten Sagen in unterschiedlichen Formen und vor allem zu unterschiedlichen Zwecken. Zahlreich sind jene Sagen, in denen es um Schadenszauber und dessen Abwehr durch magische Praktiken geht, wobei hier auffällt, wie wenig kirchliche, aber auch weltliche Autoritäten involviert sind: Auf der Alm gibt es auch in der Zauberei nur Selbsthilfe der Sennerinnen und Viehhüter. Der in der romantischen Literatur und Wissenschaft gern behandelte Liebeszauber begegnet nur unter dem Aspekt des Schadens und dessen Abwehr, wie generell Erotik – so wird auch aus anderen Beiträgen deutlich – eine untergeordnete Rolle in den steirischen Sagen spielt. Zauberei ist in den Sagen keine gelehrte Wissenschaft, sondern wird in der Regel zur Erleichterung des harten Alltags eingesetzt: beim Wildern, um an Geld zu kommen, um Diebe einzuschüchtern. Dort, wo Zauberei zum Vergnügen praktiziert wird, etwa bei einem Ausflug auf der Ofengabel ins Hochgebirge oder um die eigenen Fähigkeiten zu demonstrieren, werden die handelnden Personen moralisch im Rahmen der Sage verurteilt. Den Abschluss dieses Beitrags bilden jene Sagen, die sich um historische Hexenprozesse in der Südoststeiermark ranken.
Peter Wiesflecker geht dem Umgang mit dem Tod und den Toten in den steirischen Sagen nach. Das Thema ist einerseits im weiteren kulturhistorischen Kontext zu lesen, wo Totenbräuche, Wiedergänger, Geister und Nekromantie aus zahlreichen Texten seit der Antike bekannt sind. Andererseits spiegeln Vorstellungen und Vorkehrungen rund um den Tod und die Toten Übergangsriten wider, die sich kulturanthropologisch weit über den europäischen Raum nachweisen lassen. Der Verfasser geht mit diesen allgemeinen Überlegungen an die steirischen Sagen heran und zeigt, dass bestimmte Elemente, wie etwa die Vorstellungen rund um ein Totenreich, kaum vorkommen, und andere wie jene des Wiedergängers vergleichsweise selten und harmlos sind, wenn etwa der verstorbene Bauer sich nach wie vor im Mostkeller bedient. Weit wichtiger ist das Motiv der unerledigten oder ungesühnten Taten, die einen Verstorbenen auf der Erde bleiben und Kontakt mit den Lebenden suchen lassen oder auch einfach zu Geistererscheinungen führen. Betont wird in diesen Totensagen auch immer die regionale Verortung, sprich die Toten reflektieren lange zurückliegende Ereignisse, einmal sogar aus der Römerzeit, öfter aber Schicksale spätmittelalterlicher oder neuzeitlicher Adelsgeschlechter oder Ereignisse, die in der Sage bis zu einem gewissen Grad enthistorisiert werden. Die Protagonisten der steirischen Sagen beschäftigt ferner die Frage nach der Vorhersehbarkeit des Todes; verschiedene Sagen überliefern Ankündigungen durch Zeichen, übernatürliche Wesen oder Tiere. Insgesamt, so zeigt Wiesflecker, sind die Totensagen nicht ohne das christliche Weltdeutungsmodell mit seinem moralisch strukturierten Jenseits zu lesen, sie greifen aber gleichzeitig im Umgang mit dem Tod auf vorchristliche Vorstellungen und Praktiken zurück und verstehen ihre Welt als eine Welt der Lebenden und der Toten mit oftmals unscharfen Grenzverläufen.

Übernatürliche Entitäten und (niedere) Transzendenzen

Historische Ansicht aus dem Sölktal („Breitlahner“) © StLA, Ortsbildersammlung
Historische Ansicht aus dem Sölktal („Breitlahner“)
© StLA, Ortsbildersammlung
Bergarbeiter am Erzberg  © StLA, Ortsbildersammlung
Bergarbeiter am Erzberg
© StLA, Ortsbildersammlung
Konsole mit Tierköpfen aus der Pfarrkirche St. Marein bei Knittelfeld  © StLA, Sammlung Woisetschläger
Konsole mit Tierköpfen aus der Pfarrkirche St. Marein bei Knittelfeld
© StLA, Sammlung Woisetschläger

In gewisser Weise verwandt mit dem Thema des Todes ist der Beitrag von Raphaela Hemet, der sich mit den Sagengestalten Wilde Jagd und Frau Bercht beschäftigt. Als übernatürliche Entitäten von nicht restlos geklärter mythologischer Herkunft werden diese, wie die Verfasserin einleitend ausführt, wesentlich mit unerlösten Toten in Beziehung gebracht: Im Stand der Sünde Verstorbene werden als Mitglieder der Wilden Jagd imaginiert, während ungetauft verstorbene Kinder von Frau Bercht mitgeführt werden. Wilde Jagd und Frau Bercht sind aber auch pädagogische Figuren, die vor Neugier oder nächtlichen Spaziergängen warnen sowie Erklärung für Natur- und Krankheitsereignisse. Die Verfasserin zeigt so die verschiedenen Funktionen der beiden Motive in der Weltdeutung des ländlichen vormodernen Milieus der steirischen Sagen auf und setzt diese in Beziehung zu jenen Lücken, welche die christliche Weltdeutung offenbar in der Wahrnehmung dieses Milieus aufweist, wie etwa dem Verbleib der ungetauften Kinder oder einer Alternative zum Fegefeuer.
In den steirischen Sagen tummeln sich zahlreiche Wesen, die sich als niedere Transzendenzen oder Naturgeister beschreiben lassen. Ihnen sind die Beiträge von Kathrin Trattner und Anna-Kristina Krenn gewidmet. Kathrin Trattner befasst sich mit jenen Wesen, die als weiblich imaginiert werden wie Wald-, Wild- und Bergfräulein, weibliche dämonische Gestalten und Wasserjungfrauen. Ausgangspunkt sind hier religionshistorische Arbeiten zu weiblichen mythologischen Gestalten und gendertheoretische Ansätze in der Sagenforschung. Als verblüffendste Erkenntnis dieses Beitrags kann wohl gelten, dass die gefährlich-erotische Dimension, die weiblichen Entitäten in der Religionsgeschichte oft innewohnt und in der Forschung auch für Sagenwesen postuliert wird, in den steirischen Sagen bis auf eine Ausnahme, nämlich jene der Wasserjungfrauen, die Knaben und junge Männer in ihr Reich locken, gänzlich fehlt. Selbst die Trud, sonst Inbegriff des erotischen Albtraums, ist in der steirischen Sage zahm und häuslich. Die untersuchten Frauengestalten stehen für eine Natur, die sich vor aggressiven Menschen(männern) eher zurückzieht, als diese zu schädigen. Die von Trattner am Ende aufgeworfene Frage, inwieweit diese Frauen das Frauenbild der Sagensammler spiegeln und hier erotische und destruktive Aspekte getilgt wurden, kann als Auftrag an weitere Forschungen gelten. Ambivalenter zeigen sich die von Anna-Kristina Krenn untersuchten männlichen Natur- und Hausgeister. Während einige ein friedvolles Mit- und Nebeneinander zu den Menschen suchen und diesen wie ihre weiblichen Pendants mit der Arbeit und dem Vieh helfen bzw. die Menschen – vergeblich – warnen (wie Berggeister in Sagen rund um den Bergbau), treiben andere auf der Alm Schabernack mit den Menschen oder entführen diese sogar. Wie Krenn abschließend ausführt, stehen die männlichen Natur- und Hausgeister selten direkt für Naturphänomene, vielmehr verkörpern sie Ängste vor der und Abhängigkeiten von der Natur sowie eine Warnung vor einem sorglosen oder selbstgewissen Verhalten dieser gegenüber.
Zu jenen Wesen, die neben dem Menschen die sagenhafte Steiermark bewohnen, gehören auch zaubernde Tiere. Bettina Leitner geht deren Rolle und Funktion in ihrem Beitrag nach. Sie stellt die Schlangen, Wiesel, Katzen und andere Tiere in den religionsgeschichtlichen Kontext von Tieren in polytheistischen Systemen wie jenem der griechischen Antike. Die steirischen Sagen sind freilich weit davon entfernt, Tieren göttliche Qualitäten zuzuschreiben oder Tiere als Verkörperungen größerer Transzendenzen zu sehen. Sie verkörpern wie weibliche und männliche Naturgeister Aspekte einer noch verzauberten Wirklichkeit, der sich die Protagonisten der Sagen gegenübersehen.

Geld, Moral und der Teufel

Teufelstein bei Fischbach  © StLA, Ansichtskartensammlung
Teufelstein bei Fischbach
© StLA, Ansichtskartensammlung

Die harte und entbehrungsreiche Lebensrealität der steirischen Landbevölkerung spiegeln all jene Sagen, in denen es um Geld und Schätze geht. Elfriede Czernin untersucht diese näher. Dabei zeigt sich, dass die meisten Sagen zu diesem Thema eine sehr christliche Moral vermitteln, indem sie Geld und Schätze nur jenen zukommen lassen, die einen untadeligen Lebenswandel führen oder umgekehrt die Gier nach Reichtum hart bestrafen. Christian Hatzenbichler widmet sich dem Auftreten des Teufels in den steirischen Sagen. Dieses hat wenig mit dem Widersacher Gottes der christlichen Theologie zu tun, wie der Verfasser einleitend kurz zusammenfasst. Vielmehr ist der Teufel ein verlässlicher Vertragspartner, der im Gegenzug für eine Seele das irdische Leben erleichtern kann. Er ist nicht selten auch selbst Betrogener in seinen Geschäften mit Steirern, die sich als listig erweisen und ihre Seelen retten können. Dem Handlungsort der Sagen entsprechend tritt der Teufel oft als grün gekleideter Jäger auf, er kann aber auch zum Vollstrecker Gottes werden und Frevler bestrafen.

Das „Fremde“ in den steirischen Sagen

Votivbild aus der Wallfahrtskirche Maria Waitschach in Kärnten  © StLA, Sammlung Woisetschläger
Votivbild aus der Wallfahrtskirche Maria Waitschach in Kärnten
© StLA, Sammlung Woisetschläger

Mit der Geschichte der Steiermark eng verbunden sind die Beiträge von Astrid Hammer und Lisa Greifeneder/Raphaela Hemet. Hammer befasst sich mit den Türkensagen in den untersuchten Sagensammlungen und der Darstellung der Osmanen sowie der Steirer in zahlreichen Aufeinandertreffen. Deutlich wird eine schematisierte Schwarz-Weiß-Darstellung, die wenig Raum für Differenzierung lässt und in der zudem historische Fakten zugunsten der Erzählung hintangestellt werden. Weit mehr als andere Sagen sind die sogenannten ‚Türkensagen‘ explizit mit der konkreten christlichen Religion verknüpft, die verteidigt wird und in Form von Wundern und Erscheinungen aktiv in das Geschehen eingreift. Weniger bedrohlichen Fremden in den steirischen Sagen widmen sich Lisa Greifeneder und Raphaela Hemet gemeinsam: In ihrem Beitrag befassen sie sich mit der Frage nach der Darstellung des ‚alltäglichen‘ Fremden in Form von sogenannten „Venedigermanndln" – womit italienische Montanisten gemeint sind, deren bergbauliches Fachwissen in den entsprechenden Sagen enthistorisiert und als Zauberei wahrgenommen wird – sowie anderen Randgruppen wie Roma und jüdischen Menschen. Dabei wählen sie einen sozialwissenschaftlichen Zugang, der Erzähler der Sagen und deren RezipientInnen als Eigen- und den Randgruppen angehörende Sagenfiguren als Fremdgruppe identifiziert, wodurch sich ein Untersuchungsfokus auf die entsprechenden Stereotypisierungen ergibt.

Anmerkungen

[1] Theresia Heimerl/Peter Wiesflecker (Hgg.), Steirische Sagen in religonswissenschaftlicher Perspektive (Graz 2021).
[2] Hans von der Sann, Sagen aus der Grünen Mark (Graz 41952).
[3] Karl Haiding, Volkssagen aus der Steiermark (Graz 1982).
[4] Zu Johann Krainz (Hans von der Sann) kann auf die Darstellung bei Günther Jontes, Frühe steirische Sagen- und Märchensammler. In: Gernot Peter Obersteiner/Peter Wiesflecker (Red.), Festschrift Gerhard Pferschy zum 70. Geburtstag (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark 42, = Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, Sonderbd. 25, = Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchives 26, Graz 2000), 117–144 [in Folge: Jontes, Sagen- und Märchensammler], hier 127–144, und die dort angeführte weiterführende Literatur verwiesen werden. Zu Sann als Sammler und Herausgeber steirischer Sagen und einzelne seiner Publikationen vgl. Jontes, Sagen- und Märchensammler 135–144. Zu Karl Haiding vgl. u. a. Sepp Walter, Karl Haiding 75 Jahre. In: Volker Hänsel/Walter Sepp (Hgg.), Volkskundliches aus dem steirischen Ennstal. Festschrift für Karl Haiding zum 75. Geburtstag (= Schriftenreihe des Landschaftsmuseums Schloss Trautenfels 1, Trautenfels 1981), 11–18; Günther Jontes, Zum 100. Geburtstag von Karl Haiding. Gedanken zu Leben, Werk und Wesen des Volkskundlers. In: Da schau her 27/4 (2006), 13–22; Ursula Katharina Mindler, „...obwohl ich überhaupt keine Zugeständnisse gemacht habe und meine gesamtdeutsche Einstellung den Fachkollegen durchaus bekannt ist...". Anmerkungen zu Karl Haiding (1906–1985). In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 113/2 (2010), 179–202.
[5] Jontes, Sagen- und Märchensammler 117–144.
[6] Jontes, Sagen- und Märchensammler 114.
[7] Jontes, Sagen- und Märchensammler 114.
[8] Jontes, Sagen- und Märchensammler 114.
[9] Zu ihm vgl. mit weiteren Hinweise Jontes, Sagen- und Märchensammler 114–120.
[10] Zu ihm mit weiteren Hinweisen Jontes, Sagen- und Märchensammler 120–127.
[11] Jontes, Sagen- und Märchensammler 120.
[12] Anton Mell (Hg.), Katalog der Handschriften. Für das Archiv bearbeitet von Josef v. Zahn (Graz–Leipzig 1898).
[13] Vgl. Theresia Heimerl, „[...] hatte der Teufel die Seele des Pfarrers geholt." Die Mythisierung religiöser Devianz in steirischen Sagen von Hexen und Zauberern. In: Wernfried Hofmeister (Hg.), Mythos.Macht.Geschichte. Historische Konstruktionen des Erinnerungsraumes Steiermark und Innerösterreich (= Memoranda Styriaca 1, Graz 2019), 163–193.

Theresia Heimerl, Studien der Deutschen und Klassischen Philologie und Katholischen Theologie, seit 2003 ao. Professorin für Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz. Mitglied der Historischen Landeskommission für Steiermark.
Forschungsschwerpunkte: Europäische Religionsgeschichte, Körper-Geschlecht-Religion, Religion und Film/TV.

Peter Wiesflecker, Studien der Geschichte, Archivwissenschaft, Geschichtsforschung und des Kirchenrechts in Wien und der Religionswissenschaften in Graz, seit 1998 wissenschaftlicher Beamter am Steiermärkischen Landesarchiv; Privatdozent für Österreichische Geschichte an der Universität Graz, Lehrbeauftragter für Archivwissenschaft an der Universität Wien. Mitglied der Historischen Landeskommission für Steiermark.
Forschungsschwerpunkte: Österreichische Geschichte, Landesgeschichte, Adelsgeschichte, Kirchenrecht und Archivwissenschaften.